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Klassischer Albumguide

Rain Dances

Camel · 1977 · Progressive Rock

Richard Sinclair und Mel Collins zeichnen Camels Rhythmus-, Stimm- und Bläserpalette neu, während Brian Eno, Blechbläser und Harfe ein Album mit neun Titeln zwischen knappen Songs und leuchtendem Jazz-Rock erweitern.

Veröffentlicht 1977Fünftes AlbumNeun Titel
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Das Album

Auf einen Blick

Künstler
Camel
Erschienen
September 1977
Album
Fünftes Studioalbum
Aufgenommen
Basing Street Studios, London
Titel
Neun
Produzent
Camel und Rhett Davies

Warum es wichtig ist

Camel wechselt das Personal, ohne die melodische Grammatik zu verlieren

Rain Dances ist wichtig, weil Camel den ersten großen Besetzungswechsel übersteht, indem die Band auch die Musik verändert. Richard Sinclair imitiert nicht Doug Fergusons bodenständige Bassrolle, und Mel Collins ist nicht länger nur gelegentliche Tourneefarbe. Ihre leichtere rhythmische Bewegung, Sinclairs markante Stimme und Collins’ Bläser gestalten den Raum um Latimer und Bardens neu.

Das Album erweitert die Band, ohne ihre Identität aufzulösen. Blechbläser, Harfe und Brian Enos elektronischer Beitrag erscheinen an klar bestimmten Stellen, während Rhett Davies die Produktion transparent hält. Die Gastfarben funktionieren, weil Camels melodische Grammatik unverkennbar bleibt.

Zugleich verweigert sich die Platte einer einzigen dominanten Form. Instrumentale Eröffnungen, knappe Gesangsstücke, Ensemble-Jazz-Rock und eine ambientartige Miniatur stehen über neun Titel nebeneinander. Diese Vielfalt dokumentiert eine Gruppe, die nach dem Originalquartett nach neuen Möglichkeiten sucht, statt vorzugeben, nichts habe sich verändert.

1977

Ein neuer Bassist, eine feste Bläserstimme

Doug Ferguson verließ Camel Anfang 1977 nach Moonmadness und dessen Tournee. Richard Sinclair, zuvor bei Caravan, wurde neuer Bassist und brachte eine geschmeidige Spielweise sowie eine sofort erkennbare Gesangsstimme mit. Mel Collins, bereits Teil der erweiterten Livebesetzung, gehörte nun mit mehreren Blasinstrumenten zur Studiobesetzung.

Die Band nahm von Februar bis August in den Basing Street Studios auf. Rhett Davies produzierte erneut gemeinsam mit Camel und gab einem Projekt im Wandel klangliche Kontinuität. Der längere Zeitraum ermöglichte eine breitere Gästepalette als bei den konzentrierten Moonmadness-Sessions.

Brian Eno spielte Keyboards auf Elke, Harfenistin Fiona Hibbert ist auf demselben Stück zu hören, Martin Drover und Malcolm Griffiths ergänzten ausgewählte Titel um Blechbläser. Diese Beiträge öffnen die Musik nach außen, ohne Rain Dances zu einer von Gästen oder Produzenten bestimmten Zusammenarbeit zu machen.

Die Rain-Dances-Besetzung

Das Quartett öffnet sich zum Ensemble

Andrew LatimerGitarren, Flöte, Keyboards, Bass und Gesang
Peter BardensKeyboards
Richard SinclairBassgitarre und Gesang
Andy WardSchlagzeug und Perkussion
Mel CollinsSaxofone, Klarinette und Flöte
GästeBrian Eno, Fiona Hibbert, Martin Drover and Malcolm Griffiths

Sinclair verändert sowohl das tiefe Register als auch den Gesangscharakter. Sein Bass kann um Wards Akzente federn, statt sie in geraden Linien zu verankern, und sein warmer, gesprächiger Vortrag lässt Metrognome und Tell Me anders klingen als frühere Camel-Songs.

Collins gibt den Arrangements eine zweite melodische Hauptstimme, die luftig, gesprächig oder scharf rhythmisch sein kann. Die Klarinette macht Tell Me intim; Saxofone treiben die Ensemblestücke in Richtung Jazz-Rock; die Flöte erweitert Latimers etablierte Farbe, statt sie zu verdoppeln.

Latimer und Bardens reagieren mit Spezialisierung und Rollenwechseln. Latimer spielt Fretless-Bass auf Tell Me und Bass auf Skylines, während Bardens einen großen Teil des kompositorischen Rahmens liefert. Ward passt sich der beweglicheren Bass- und Bläserarbeit an, ohne Camels Gespür für erzählerische Spannung aufzugeben.

Klang und Konstruktion

Leichtere Oberflächen, beweglicherer Rhythmus

Rain Dances ist heller und rhythmisch durchlässiger als Moonmadness. Sinclair lässt Luft in den Bassfiguren, Collins phrasiert über Taktgrenzen hinweg, Davies trennt diese Bewegungen klar. Die Musik klingt weniger nach vier Teilen, die auf einen Höhepunkt zulaufen, als nach einem Ensemble, das Energie kreisen lässt.

Die Gesangsstücke sind knapp, aber nicht einförmig. Sinclairs Stimme mildert Metrognome und Tell Me, während Latimers Vortrag auf Highways of the Sun und Unevensong offener liegt. Harmonien lassen neue und vertraute Identitäten innerhalb derselben Folge nebeneinander bestehen.

Die Instrumentals erkunden verschiedene Größenordnungen. First Light wächst aus Atmosphäre zu einem breiten Auftakt; One of These Days I’ll Get an Early Night nutzt Blech- und Holzbläser für beschwingte Gruppenbewegung; Elke entfernt die Rhythmusgruppe fast vollständig; Skylines stellt den kraftvollen Jazz-Rock-Antrieb wieder her.

Wetter funktioniert als klangliches Verhalten, nicht als strenges Konzept. Licht, Straßen, Ungleichgewicht, Himmel und Regen geben den Titeln ein gemeinsames Feld. Die Arrangements führen vom klaren Horizont durch Turbulenz zum schwebenden Schluss des Titelstücks.

Titel für Titel

Neun Wege durch das Wetter

01

First Light

Bardens’ instrumentaler Auftakt baut Helligkeit schrittweise auf. Keyboards legen den Horizont fest, dann erweitern Gitarre, Bass, Schlagzeug und Collins’ Altsaxofon das Bild. Die neue Besetzung wird durch Ansammlung vorgestellt, nicht durch eine Ansage.

02

Metrognome

Ein präzises Wortspiel rahmt Sinclairs ersten Hauptgesang auf einem Camel-Album. Der Groove ist gemessen, aber verspielt; Collins’ Tenorsaxofon verleiht dem urbanen Mechanismus menschliche Unregelmäßigkeit. Ordnung und Witz teilen denselben Puls.

03

Tell Me

Latimers Fretless-Bass und Collins’ Klarinette schaffen unter Sinclairs Stimme eine der intimsten Texturen des Albums. Das Arrangement bittet um Direktheit und umgibt sie zugleich mit zerbrechlichen Details: Kommunikation klingt notwendig und schwierig.

04

Highways of the Sun

Latimer singt einen knappen Straßensong, geformt von hellen Keyboards und Flöte. Auch die zugängliche Oberfläche bewahrt Camels Vorliebe für instrumentale Antworten; die Landschaft öffnet sich durch das Arrangement ebenso wie durch die Worte.

05

Unevensong

Wards Komposition macht Ungleichgewicht zum Ordnungsprinzip. Latimer und Sinclair teilen den Gesangsraum, während die Rhythmusgruppe durch unterschiedliche Gewichte und Akzente wandert. Der scheinbare Widerspruch des Titels wird zur Methode, aufrecht zu bleiben.

06

One of These Days I'll Get an Early Night

Das gesamte Ensemble treibt mit Collins und den Gastbläsern ein Instrumental an, das Erschöpfung als Überschwang behandelt. Saxofone, Trompete und Posaune tauschen knappe Aussagen über einem federnden Rhythmus aus – die offenste gesellschaftliche Darbietung des Albums.

07

Elke

Latimers Gitarre und Flöte, Enos Keyboards und Fiona Hibberts Harfe erzeugen eine kammermusikalische Schwebe außerhalb des rhythmischen Flusses der Hauptband. Das Stück ist eine Lichtung, in der Textur, Verklingen und melodischer Atem wichtiger sind als Vorwärtsdrang.

08

Skylines

Latimer spielt in diesem straff geführten Instrumental neben Gitarre auch Bass; Collins übernimmt Altsaxofon, dazu kommen Blechbläser. Nach Elkes Stille kehrt der Rhythmus mit zusätzlicher Kraft zurück. Der Horizont ist keine ferne Atmosphäre mehr, sondern eine Linie, die die Musiker verfolgen.

09

Rain Dances

Bardens’ Titelstück beendet das Album ohne große Auflösung. Klavier, Glockenspiel und Collins’ Sopransaxofon lassen kleine Melodietropfen durch offenen Raum kreisen. Wetter wird am Ende zu einem Muster statt zu einem Sturm.

Neun verwandte Klimazonen

Bewegung, Distanz und instabiles Gleichgewicht

Rain Dances ist kein erzählerisches Konzeptalbum. Seine Einheit entsteht aus Bewegung durch Umgebungen: erstes Licht, metropolitanes Maß, Straßen, instabiles Gleichgewicht, Horizonte und Regen. Die Titel stellen menschliches Empfinden wiederholt gegen ein wechselndes äußeres Feld.

Kommunikation zieht sich durch die Gesangsstücke. Tell Me fragt direkt, Highways of the Sun verbindet Bewegung mit Möglichkeit, Unevensong macht Partnerschaft durch ungleiche Stimmen und Rhythmen hörbar. Die Texte bilden keine gemeinsame Handlung, teilen aber das Bewusstsein, dass Gleichgewicht ausgehandelt werden muss.

Die Instrumentals erweitern dieses Argument über Sprache hinaus. Ensemblebewegung kann Gemeinschaft schaffen, Elke kann sie aussetzen, das Titelstück getrennte Klänge ohne Zusammenstoß koexistieren lassen. Das zentrale Thema ist weniger das Wetter selbst als Anpassung.

Das Cover

Regen, grafisch und schwerelos gemacht

Die Hülle reduziert Regen auf eine klare visuelle Idee: wiederholte Tropfen, spiegelnde Flächen und kühle Farbe. Ihre grafische Leichtigkeit passt zu einem Album, dessen Komplexität häufig durch Zwischenraum statt durch dichte symphonische Masse getragen wird.

Anders als das figurative Moonmadness-Cover fordert Rain Dances nicht dazu auf, Gesicht oder Figur zu erkennen. Das Muster wird zum Gegenstand und spiegelt, wie Rhythmus und wiederkehrende Klangfarben neun unterschiedliche Titel zusammenhalten.

Der Plural des Titels ist wichtig. Es gibt weder einen einzigen Sturm noch eine einzige Stimmung. Die Verpackung bereitet eine Folge von Bewegungen unterschiedlichen Gewichts vor, die dennoch zum selben Klima gehören.

Veröffentlichungsgeschichte

Ein verändertes Camel betritt die späten Siebziger

Rain Dances erschien im September 1977 bei Gama und Decca. Es war Camels fünftes Studioalbum und das erste, auf dem Sinclair und Collins zentrale aufgenommene Stimmen waren. Der Personalwechsel wurde dem Publikum direkt gezeigt, nicht verborgen.

Highways of the Sun erschien in gekürzter Form als Single. Sein knappes melodisches Design vertrat eine Seite des Albums; die instrumentalen Ensemblestücke bewiesen zugleich, dass die neue Zugänglichkeit improvisatorische und jazzrockige Ambitionen nicht beseitigte.

Die Tourneeband übertrug diese breitere Palette auf Konzerte, die auf A Live Record dokumentiert sind. Das Album gehört daher zu einem aktiven Bühnenwandel, nicht bloß zu einem Studioexperiment mit Gästen.

Nach 1977

Das Scharnier zwischen zwei Versionen der Band

Rain Dances wurde zum Scharnier zwischen Camels Originalquartett und den flüssigeren späteren Besetzungen. Seine Bedeutung liegt darin, Veränderung hörbar zu machen: Sinclair und Collins sind keine in altem Design versteckten Ersatzleute, sondern Gründe für ein neues Design.

Die Platte zeigt auch, wie natürlich die Canterbury-Szene durch Personal statt Nachahmung in Camels Sprache eintreten konnte. Sinclairs Phrasierung und Collins’ Bläser bringen Verbindungen zu Caravan und Jazz-Rock mit, während Latimers melodische Zurückhaltung und Bardens’ harmonische Stimme erhalten bleiben.

Breathless erweiterte die Songorientierung der Sinclair-Ära und brachte weitere Keyboardwechsel sowie das Ende von Bardens’ Amtszeit. Rain Dances ist der ausgewogenere erste Schritt, offen genug, damit jede neue Farbe ihre Möglichkeiten zeigen kann.

Welche Ausgabe?

Die Anlage aus neun Titeln im Blick behalten

Originalprogramm von 1977Neun Titel von First Light bis Rain Dances im historischen Mix.
Erweiterte CD von 2002Ergänzt die Single-Kürzung von Highways of the Sun und zeitgenössisches Livematerial.
Erweiterte Ausgabe von 2023Eine remasterte und erweiterte Präsentation mit zusätzlichen zeitgenössischen Aufnahmen.

Beim ersten Hören sollten die neun Originaltitel zusammenbleiben. Das Titelstück ist nach Skylines ein bewusst kleiner Schluss; Bonusmaterial kann diese Verkleinerung des Maßstabs verdecken.

Der historische Mix ist der klarste Einstieg in Davies’ luftige Produktion. Entscheidend sind Sinclairs Bassplatzierung, die wechselnden Bläserregister und die Art, wie Gastinstrumente eintreten, ohne jeden Titel auf dieselbe Weise zu verbreitern.

Livematerial zeigt, wie die sorgfältig getrennten Studiofarben zu einem körperlicheren Bühnenensemble wurden. Besonders aufschlussreich ist der Vergleich bei First Light und dem Blech- und Holzbläserschwung von One of These Days I’ll Get an Early Night.

Ein Hörweg

Bass, Bläsern und offenen Räumen folgen

  1. Erster Durchgang: Der Originalfolge als Wechsel von vokaler Intimität und instrumentaler Ausdehnung folgen.
  2. Zweiter Durchgang: Richard Sinclairs Bass und Stimme als deutlichste Kennzeichen des neuen Camel verfolgen.
  3. Dritter Durchgang: Mel Collins’ wechselnde Rollen an Alt-, Tenor- und Sopransaxofon, Klarinette und Flöte verfolgen.
  4. Danach: Danach Breathless hören, wo dieselbe Übergangsära weiter zu knappen Songs und einer veränderten Keyboardidentität tendiert.

Recherche und Quellen

Quellen und weiterführende Lektüre

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