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1977 · Deutscher Krautrock · Proto-Industrial Rock · Vollständiges Album

Fleisch und Befehl

Neun deutschsprachige Protokolle zeichnen ein System nach, das Körper vermisst, Stimmen diszipliniert und Gehorsam zum Ritual macht – bis das Fleisch den Befehl verweigert und sich die Fabriktore zu einer Freiheit ohne Anweisungen öffnen.


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Über dieses AlbumTitellisteKlangpaletteArchivnotizenSongtexteEmpfohlen, wenn Sie Folgendes mögenVerwandte Veröffentlichungen

Über dieses Album

Fleisch und Befehl ist ein deutschsprachiges Konzeptalbum, das in einem namenlosen Industriestaat spielt, der den menschlichen Körper als öffentliches Eigentum behandelt. Bürger werden vermessen, nummeriert und einer Funktion zugeteilt. Arbeit, Erziehung, Disziplin und Zeremonie sind zu einem einzigen System verschmolzen, in dem Gehorsam zugleich als heilige Pflicht und körperliche Tatsache gilt.

Die Abfolge führt vom institutionellen Besitzanspruch zum inneren Widerstand. „Der Körper gehört uns“ formuliert den Anspruch des Regimes; „Mach mit“ lässt Unterwerfung verführerisch kollektiv klingen; „Mutter aus Eisen“ verwandelt die Fabrik in eine besitzergreifende mechanische Mutter. Danach wandert die Maschinerie unter die Haut, während „Das brave Kind“ zeigt, wie erwachsene Unterordnung bereits in der Kindheit eingeübt wurde. Eine verbotene Radiostimme durchbricht die Stille, bevor das Titelstück den Konflikt auf seinen härtesten Austausch reduziert: Befehl gegen Verweigerung.

Die letzten beiden Titel verweigern einen einfachen Sieg. „Brenn das Zeichen aus“ greift die in den Körper gebrannten Symbole an, warnt jedoch davor, dass auch Revolte neue Zeichen der Autorität hervorbringen kann. „Nach der letzten Schicht“ lässt die Maschinen verstummen und folgt den Arbeitern ohne Zeitplan, Anführer oder gemeinsames Ziel nach draußen. Freiheit ist möglich geworden, doch das Album lässt offen, ob von Befehlen geprägte Menschen leben können, ohne sie zu wiederholen.

Archivjahr1977
Premiere
SpracheDeutsch

Titelliste

9 Titel39:21

Klangpalette

Die Platte setzt deutschsprachigen, theatralischen Gesang in eine beschädigte Studiosprache von 1977 statt in modernen Industrial Metal. Trockene Motorik-Drums, Floor-Tom-Zeremonien und stampfende Antwortfiguren schaffen körperliche Ordnung; ein dichter Fuzzbass rastet entweder in diesen Puls ein oder zieht ihn in langsamere, kriechende Formen. Abrasive E-Gitarre wird sparsam eingesetzt: Sie verstärkt kantige Figuren und erhöht den Druck, ohne ständig in den Vordergrund zu drängen.

Verzerrte Hammond- und Farfisa-Orgel tragen das Hauptgewicht der Tasteninstrumente. Präpariertes Klavier, Harmonium und primitive analoge Sequenzen erweitern die Maschinerie, ohne sie zu glätten. Schläge auf Blech, Ketten, Relais, Sirenen, Kurzwellenrauschen und zerschnittene Bandstimmen sind als musikalische Ereignisse statt als bloße Effekte angeordnet. Der letzte Titel baut diese Architektur schrittweise ab, bis der Puls einer offenen, unsicheren freien Zeit weicht.

Archivnotizen

Das Eröffnungsprotokoll inventarisiert den Körper, bevor er für sich selbst sprechen kann. Finger, Zähne, Lungen und Gesten werden zu Einträgen in einem System, das Vermessung mit Besitz verwechselt. Anschließend bietet die Menge Erlösung von der Isolation, doch Zugehörigkeit kostet den eigenen Namen.

In der Mitte des Albums wechselt Autorität ihren Maßstab. Sie erscheint als eiserne Mutter, als Draht unter der Haut und als Lektion, die einem Kind am Tisch beigebracht wird. Unterdrückte Sprache entkommt über eine Antenne und verwandelt einen stummen Mund in eine Stadt instabiler Signale.

Verweigerung schafft nicht automatisch Freiheit. Feuer kann ein Zeichen entfernen und sofort selbst zu einem neuen Ritual werden; offene Tore können zeigen, wie vollständig der Befehl jene geprägt hat, die hindurchgehen. Der letzte Klang ist kein Siegesmarsch, sondern sind einzelne Schritte – jeder Mensch geht anders fort.

Songtexte

Alle neun Titel enthalten deutschsprachigen Gesang. Die Songtexte werden ohne Bezeichnungen für Strophe, Refrain, Intro oder Produktion wiedergegeben.

Zähl die Finger, zähl die Zehen
Dreh dich um, wir wollen sehen
Haut und Zähne, Blut und Pflicht
Dein Gesicht gehört dir nicht

Bei der Geburt wird Maß genommen
Noch bevor die Worte kommen
Man prüft den Rücken, prüft den Mund
Und erklärt den Mangel für gesund

Jeder Knochen wird beschrieben
Jeder Wunsch wird ausgetrieben
Was du fühlst, wird registriert
Was du bist, wird korrigiert

Der Körper gehört uns
Der Atem wird gezählt
Der Körper gehört uns
Bis keiner mehr fehlt

Der Körper gehört uns
Vom Scheitel bis zum Fuß
Der Körper gehört uns
Weil jeder dienen muss

Deine Hände sind zum Tragen
Deine Lippen nicht zum Fragen
Deine Augen sind gemacht
Für das Licht in jeder Nacht

Deine Schultern für die Lasten
Deine Finger für die Tasten
Deine Beine für den Gang
Immer weiter, lebenslang

Der Körper gehört uns
Der Atem wird gezählt
Der Körper gehört uns
Bis keiner mehr fehlt

Der Körper gehört uns
Das Fleisch erfüllt den Plan
Der Körper gehört uns
Von Anfang an

Wenn du schläfst, bleibt etwas offen
Wenn du träumst, wird mitgetroffen
Jede Regung, jeder Laut
Wird vermessen und verdaut

Keine Wunde bleibt verborgen
Keine Angst gehört dem Morgen
Selbst dein Schweigen wird verhört
Bis es unsre Ruhe stört

Der Körper gehört uns
Das Herz schlägt auf Befehl
Der Körper gehört uns
Und kennt nur dieses Ziel

Der Körper gehört uns
Der Atem wird gezählt
Der Körper gehört uns
Bis keiner mehr fehlt

Heb die Arme
Zeig die Hände
Beug den Rücken
Bis zum Ende

Öffne langsam deinen Mund
Sprich den Satz und bleib gesund

Mein Blut ist nur geliehen
Mein Wille darf verglühen
Mein Fleisch erfüllt die Pflicht
Mein Körper gehört mir nicht

In den Hallen, in den Reihen
Lernen wir, uns selbst zu leihen
Jeder Schritt im gleichen Takt
Bis der Takt uns alle packt

Doch tief unter meiner Zunge
Liegt ein Wort, noch klein und jung
Kein Register kennt sein Ziel
Keine Maschine weiß, was es will

Der Körper gehört uns
Der Atem wird gezählt
Der Körper gehört uns
Bis keiner mehr fehlt

Der Körper gehört uns
Vom Scheitel bis zum Fuß
Der Körper gehört uns
Weil jeder dienen muss

Der Körper gehört uns
Der Körper gehört uns
Der Körper gehört uns

Doch unter meiner Zunge
Spricht etwas ohne Befehl
Komm näher
Komm herein
Heute musst du
Niemand sein

Draußen friert der Einzelne
Drinnen brennt das Licht
Draußen hört dich niemand rufen
Drinnen brauchst du dich nicht

Wir geben dir die Richtung
Wir geben dir den Schritt
Du musst nur einmal nicken
Und alle nehmen dich mit

Eine Hand
Wird zur Wand
Ein Gesicht
Kennt man nicht

MACH MIT!
MACH MIT!
Keiner bleibt am Rand zurück

MACH MIT!
MACH MIT!
Jeder Schritt ist unser Glück

MACH MIT!
MACH MIT!
Gib uns Stimme, Hand und Blick

MACH MIT!
MACH MIT!
Und du gehörst uns Stück für Stück

Wir tragen gleiche Farben
Wir sprechen gleich und klar
Wir singen gleiche Lieder
Bis keiner anders war

Du brauchst hier keine Fragen
Du brauchst hier keinen Plan
Die Menge kennt den Ausgang
Und geht dir stets voran

Ein Befehl
Wird zum Ziel
Ein Gesicht
Kennt man nicht

MACH MIT!
MACH MIT!
Keiner bleibt am Rand zurück

MACH MIT!
MACH MIT!
Jeder Schritt ist unser Glück

MACH MIT!
MACH MIT!
Gib uns Stimme, Hand und Blick

MACH MIT!
MACH MIT!
Und du gehörst uns Stück für Stück

Wir feiern deine Ankunft
Wir löschen deinen Namen
Wir öffnen dir die Arme
Und schließen sie wie Rahmen

Du wolltest doch dazugehören
Du wolltest nicht allein
Nun steh nicht vor der Schwelle
Nun tritt gefälligst ein

Mach mit

Nur ein Wort
Nur ein Schritt
Nur ein Blick

Mach mit

Eine Hand
Eine Pflicht
Kein Zurück

Mach mit
Mach mit
Mach mit

Jetzt hörst du deine Stimme
Doch sie klingt nicht mehr nach dir
Sie kommt aus hundert Kehlen
Und jede steht dafür

Du hebst mit uns die Hände
Du hältst mit uns den Takt
Und merkst erst als wir schweigen
Was die Menge aus dir macht

MACH MIT!
MACH MIT!
Keiner bleibt am Rand zurück

MACH MIT!
MACH MIT!
Jeder Schritt ist unser Glück

MACH MIT!
MACH MIT!
Gib uns Stimme, Hand und Blick

MACH MIT!
MACH MIT!
Und du gehörst uns Stück für Stück

MACH MIT!
MACH MIT!
MACH MIT!
MACH MIT!

Draußen friert der Einzelne

Drinnen bist du
Nicht mehr du
Sie baut
Sie nährt
Sie nimmt

Sie steht im Rauch
Sie kennt kein Licht
Sie trägt ein Herz
Doch schlägt es nicht

Sie gibt dir Milch
Aus schwarzem Rohr
Sie legt dir Draht
In Mund und Ohr

Sie ruft dich heim
Sie zieht dich ein
Du darfst ihr Kind
Du musst ihr sein

MUTTER AUS EISEN
FRISS DEIN KIND

MUTTER AUS EISEN
BIS WIR EISEN SIND

MUTTER AUS EISEN
DRÜCK MICH FEST

MUTTER AUS EISEN
BIS NICHTS ÜBRIG BLEIBT

Sie wäscht dein Fleisch
Mit heißem Öl
Sie nennt den Schmerz
Ein gutes Ziel

Sie biegt den Rücken
Bricht den Blick
Und gibt dir jeden
Teil zurück

Sie macht dich rein
Sie macht dich klein
Du darfst ihr Kind
Du musst ihr sein

MUTTER AUS EISEN
FRISS DEIN KIND

MUTTER AUS EISEN
BIS WIR EISEN SIND

MUTTER AUS EISEN
DRÜCK MICH FEST

MUTTER AUS EISEN
BIS NICHTS ÜBRIG BLEIBT

Sie kennt die Stelle
Wo du weich bist
Sie kennt das Wort
Das du verschweigst

Sie hält dich fest
Mit heißer Hand
Und nennt den Käfig
Vaterland

Mutter

Mach mich hart

Mutter

Mach mich kalt

Mutter

Nimm mein Fleisch

Mutter

Gib mir Halt

Wenn deine Hände
Nicht mehr geh’n
Wird sie dich öffnen
Und verstehen

Sie nimmt den Namen
Aus dem Mund
Und gießt dich neu
Aus ihrem Grund

MUTTER AUS EISEN
FRISS DEIN KIND

MUTTER AUS EISEN
BIS WIR EISEN SIND

MUTTER AUS EISEN
DRÜCK MICH FEST

MUTTER AUS EISEN
BIS NICHTS ÜBRIG BLEIBT

MUTTER AUS EISEN
MUTTER AUS EISEN

FRISS DEIN KIND
FRISS DEIN KIND

Sie baut

Sie nährt

Sie nimmt

Sie liebt
Da ist etwas

Unter meiner Haut

Es schläft nicht

Es wartet

In der Nacht beginnt es leise
Zählt die Rippen, zieht die Kreise
Kriecht am Rücken langsam hoch
Findet jedes kleine Loch

Zwischen Muskel, Blut und Sehne
Liegt ein Draht in jeder Vene
Wenn ich atme, atmet es
Wenn ich schweige, spricht es fest

Unter meiner Haut
Wächst ein fremdes Wort

Unter meiner Haut
Kennt es jeden Ort

Unter meiner Haut
Schlägt es gegen mich

Unter meiner Haut
Werde ich zu dir

Meine Finger zucken weiter
Ohne Wunsch und ohne Leiter
Meine Zunge formt den Klang
Den ich niemals vorher sang

In den Augen blitzt ein Zeichen
Will dem meinen nicht mehr gleichen
Und im Spiegel hinter mir
Steht mein Körper ohne mir

Unter meiner Haut
Wächst ein fremdes Wort

Unter meiner Haut
Kennt es jeden Ort

Unter meiner Haut
Schlägt es gegen mich

Unter meiner Haut
Werde ich zu dir

Nicht bewegen

Nicht berühren

Nicht entfernen

Nicht verlieren

Ich versuchte es zu schneiden
Doch die Klinge blieb im Leiden
Aus der Wunde kam kein Blut
Nur ein schwarzer Draht voll Glut

Er umschlang mir beide Hände
Zog sie langsam an die Wände
Und aus meinem offenen Mund
Kam ein Ton, tief und gesund

Der Fremdkörper wurde nicht gefunden

Der Fremdkörper ist der Körper

Nun bewegt es meine Beine
Nun behauptet es, sie seien meine
Nun bewohnt es mein Gesicht
Und verspricht, es schmerze nicht

Jede Narbe wird zur Türe
Jeder Nerv zu seiner Schnüre
Und tief unter meinem Herz
Dreht ein Zahnrad ohne Schmerz

Unter meiner Haut
Ist kein fremdes Wort

Unter meiner Haut
War es immer dort

Unter meiner Haut
Schlägt es nicht mehr mich

Unter meiner Haut
Bin ich nicht mehr ich

Da ist nichts

Unter meiner Haut

Nur ich

Nur ich

Nur ich
Eins für die Hand
Zwei für den Mund
Drei für das Kind
Das niemals fragt warum

Das brave Kind sitzt still am Tisch
Die Hände sauber, das Lächeln frisch
Es kaut die Worte, schluckt sie ein
Und lernt, ein guter Mund zu sein

Das brave Kind schaut geradeaus
Es kennt den Weg, es kennt das Haus
Es weiß, dass jede offene Tür
Nur offen bleibt für Kinder wie wir

Wer nicht hört
Wird gehört

Wer nicht sieht
Wird gesehen

SEI BRAV!
HÄNDE AUF DEN TISCH

SEI BRAV!
LÄCHLE, WENN ICH SPRICH

SEI BRAV!
KEINER FRAGT DICH WARUM

SEI BRAV!
SONST DREHEN WIR DICH UM

Das brave Kind steht in der Reih’
Es zählt bis zehn und denkt sich frei
Doch bei der sieben bleibt es steh’n
Denn niemand darf die acht schon seh’n

Das brave Kind kennt jedes Wort
Es sagt sie nach, sofort, sofort
Und wenn ein Satz zu menschlich klingt
Wird er so lang geübt, bis er singt

Wer nicht hört
Wird gehört

Wer nicht sieht
Wird gesehen

SEI BRAV!
HÄNDE AUF DEN TISCH

SEI BRAV!
LÄCHLE, WENN ICH SPRICH

SEI BRAV!
KEINER FRAGT DICH WARUM

SEI BRAV!
SONST DREHEN WIR DICH UM

Eins macht leise
Zwei macht klein
Drei schließt alle Türen ein

Vier nimmt Namen
Fünf nimmt Zeit
Sechs macht jedes Kind bereit

Sieben wartet
Acht bleibt stumm
Neun sieht weg

Zehn dreht dich um

Das brave Kind kommt spät nach Haus
Die Mutter zieht die Schuhe aus
Sie fragt nicht, wo die Flecken sind
Sie weiß, man prüft ein braves Kind

Das brave Kind liegt nachts im Bett
Die Decke schwer, das Kissen nett
Und an der Wand, ganz ohne Licht
Übt jemand leise sein Gesicht

SEI BRAV!
HÄNDE AUF DEN TISCH

SEI BRAV!
LÄCHLE, WENN ICH SPRICH

SEI BRAV!
KEINER FRAGT DICH WARUM

SEI BRAV!
SONST DREHEN WIR DICH UM

Sag deinen Namen

Sag ihn klar

Sag deinen Namen

Wie er gestern war

Sag deinen Namen

Sag ihn nicht

Das brave Kind

Hat kein Gesicht

SEI BRAV!
HÄNDE AUF DEN TISCH

SEI BRAV!
LÄCHLE, WENN ICH SPRICH

SEI BRAV!
KEINER FRAGT DICH WARUM

SEI BRAV!
SONST DREHEN WIR DICH UM

SEI BRAV!
SEI BRAV!

DAS BRAVE KIND
BLEIBT NIEMALS STUMM

Eins für die Hand
Zwei für den Mund
Drei für das Kind

Das fragt nicht mehr warum
Null sieben sieben
Kanal ohne Land
Stimme nicht erlaubt
Sender unbekannt

Der Mund bleibt zu, die Lampe glüht
Ein roter Punkt, der alles sieht
Ich sitze still im dunklen Raum
Doch meine Stimme nimmt den Strom

Sie läuft durch Draht, sie läuft durch Wand
Sie findet jedes fremde Land
Kein Wächter kennt ihr Gesicht
Der Mund bleibt stumm, die Leitung nicht

DER MUND DARF NICHT SPRECHEN
DIE ANTENNE SPRICHT

DER MUND DARF NICHT SPRECHEN
DOCH DER ÄTHER VERGISST MICH NICHT

ICH SENDE DURCH DIE NACHT
BIS JEDES FENSTER WACHT

DER MUND DARF NICHT SPRECHEN
DIE ANTENNE SPRICHT

Am Morgen löscht man meinen Ton
Am Abend lebt er wieder schon
Er springt von Dach zu Dach entlang
Und trägt im Rauschen meinen Klang

Man dreht die Regler gegen mich
Man sucht den Satz, man findet ihn nicht
Denn jedes Wort zerfällt im Wind
Und setzt sich neu zusammen, blind

DER MUND DARF NICHT SPRECHEN
DIE ANTENNE SPRICHT

DER MUND DARF NICHT SPRECHEN
DOCH DER ÄTHER VERGISST MICH NICHT

ICH SENDE DURCH DIE NACHT
BIS JEDES FENSTER WACHT

DER MUND DARF NICHT SPRECHEN
DIE ANTENNE SPRICHT

Hier spricht niemand

Hier spricht jeder

Frequenz verloren

Stimme wieder

Nordkanal

Südkanal

Kein Signal

Überall

Nun summt die Stadt in meinem Ton
Die Häuser kennen ihn schon
Aus Küchen, Kellern, Draht und Licht
Kommt tausendfach mein Angesicht

Der Mund bleibt zu, der Sender lacht
Ein kleiner Funke hält uns wach
Und wenn man morgen alles bricht
Bleibt etwas übrig im Bericht

DER MUND DARF NICHT SPRECHEN
DIE ANTENNE SPRICHT

DER MUND DARF NICHT SPRECHEN
DOCH DER ÄTHER VERGISST MICH NICHT

ICH SENDE DURCH DIE NACHT
BIS JEDES FENSTER WACHT

DER MUND DARF NICHT SPRECHEN
DIE ANTENNE SPRICHT

DER MUND DARF NICHT SPRECHEN
DIE ANTENNE SPRICHT

Null sieben sieben
Kanal ohne Land

Die Stimme ist beendet

Der Sender brennt
Du nimmst die Hand
Du nimmst den Mund
Du nimmst das Maß
Du nimmst den Grund

Du legst das Wort
In meinen Hals
Du nennst es Pflicht
Ich nenne es Gewalt

Du willst den Blick
Du willst die Haut
Du willst den Ton
Bevor er laut

Du willst mein Ja
Noch vor der Wahl
Du willst den Menschen
Nur als Zahl

Willst du den Körper
Bis er dir gehört?

Willst du die Stimme
Bis sie nichts mehr stört?

Willst du das Fleisch
Bis kein Wille mehr zählt?

Willst du den Befehl
Bis er selber befiehlt?

Du fragst

Ich schweige

Du fragst

Ich bleibe

Du fragst

Ich sehe dich an

Du fragst

So lange ich kann

FLEISCH UND BEFEHL

EINE HAND
EIN HALS

FLEISCH UND BEFEHL

EIN WORT
GEWALT

FLEISCH UND BEFEHL

DU NIMMST
ZU VIEL

FLEISCH UND BEFEHL

ICH BIN
NICHT DEIN ZIEL

Der Körper hört

Der Körper wartet

Der Körper weiß

Der Körper antwortet

Du gibst den Befehl

Ich gebe nichts

Du gibst den Befehl

Ich rühre mich nicht

Du gibst den Befehl

Das Eisen schreit

Du gibst den Befehl

Das Fleisch sagt nein

Nein

Nein

Nein
Feuer nimmt
Feuer gibt

Was im Körper geschrieben ist
Wird im Feuer wieder sichtbar

Sie schlugen mir das Zeichen ein
Mit heißem Stahl und kaltem Blick
Es fraß sich durch die erste Haut
Und rief mich jeden Morgen zurück

Ich trug es unter Hemd und Hand
Ich trug es nachts in meinem Traum
Es war nur klein, doch überall
Es nahm dem Körper seinen Raum

BRENN DAS ZEICHEN AUS

BRENN ES AUS

WAS IM FLEISCH GESCHRIEBEN STEHT
STEIGT ALS ASCHE WIEDER AUF

Ich legte Eisen in die Glut
Ich sah, wie es die Farbe nahm
Ich hielt es an den fremden Namen
Bis der Name zu mir kam

Die Haut ging auf, der Rauch stieg hoch
Der Schmerz sprach deutlich, Wort für Wort
Zum ersten Mal befahl mir niemand
Wie ich litt und wann und wo

BRENN DAS ZEICHEN AUS

BRENN ES AUS

WAS IM FLEISCH GESCHRIEBEN STEHT
STEIGT ALS ASCHE WIEDER AUF

Dann kamen Hände aus der Reihe
Dann kam ein Arm, dann kam ein Mund
Bald glühte Eisen an den Wänden
Bald lief das Feuer durch den Grund

Wir brannten Zahlen, Namen, Ränge
Wir brannten jede alte Pflicht
Bis aus dem Rauch ein neuer Sprecher
Uns dieselben Worte spricht

Asche auf die Stirn

Asche auf die Hand

Asche in den Mund

Asche für das Land

Asche für die Toten

Asche für das Ziel

Asche wird zum Zeichen

Asche wird Befehl

BRENN DAS ZEICHEN AUS

BRENN ES AUS

WAS IM FLEISCH GESCHRIEBEN STEHT
STEIGT ALS ASCHE WIEDER AUF

BRENN DAS ZEICHEN AUS

BRENN ES AUS

DER ALTE NAME IST VERBRANNT
DER NEUE STEHT SCHON AUF DER HAUT

Feuer nimmt
Feuer gibt

Was im Körper geschrieben ist
Wird im Feuer wieder sichtbar
Die Sirene hebt den Mund
Doch kein Ton verlässt das Dach
Die Maschinen laufen weiter
Nur aus alter Kraft noch wach

Keiner dreht den roten Schalter
Keiner zählt den letzten Takt
Und zum ersten Mal seit Jahren
Wird die Schicht nicht zugemacht

Eine Schraube fällt zu Boden
Rollt allein bis an die Wand
Hundert Hände bleiben offen
Ohne Werkzeug, ohne Stand

Das Band trägt noch einen Körper
Aus Metall und schwarzem Glas
Dann bleibt alles mitten stehen
Als vergaß es, was es war

Jemand öffnet beide Tore
Nicht auf Zeichen, nicht auf Zeit
Draußen liegt ein heller Morgen
Unbenutzt und viel zu weit

Keiner tritt zuerst nach draußen
Keiner weiß, wohin man geht
Denn ein Weg, der nicht befohlen
Ist ein Weg, der sich nicht dreht

Einer liest die alten Listen
Jede Nummer, jeden Strich
Dann fragt jemand in die Stille:
Welcher Name war noch ich?

Keine Antwort aus den Kästen
Keine Stimme aus dem Rohr
Nur ein Husten, nur ein Räuspern
Kommt zum ersten Mal hervor

Eine Frau zieht ihre Handschuhe
Langsam von den Fingern ab
Sie betrachtet ihre Hände
Als ob sie sie niemals sah

Ein Mann legt beide Handflächen
Auf den kalten Hallenstein
Nicht zum Arbeiten, nicht zum Tragen
Nur um warm und still zu sein

Dann geht einer durch die Tore
Nicht nach links und nicht nach rechts
Einfach weiter, ohne Ordnung
Ungeprüft und ungerecht

Seine Schritte sind verschieden
Keiner fällt in gleichen Takt
Und die anderen hören lange
Wie ein einzelner sich macht

An der Wand bleibt eine Uhr stehen
Niemand zieht sie wieder auf
Mittag kommt, doch ohne Glocke
Abend folgt in freiem Lauf

Manche bleiben in der Halle
Manche setzen sich ins Gras
Manche warten auf Befehle
Bis die Dunkelheit sie fraß

Keine Fahne wird verbrannt
Keine Krone wird zerschlagen
Keine Rede, keine Antwort
Nur die ersten eignen Fragen

Wo wird morgen Wasser fließen?
Wer begräbt, was übrig blieb?
Wer entscheidet, wer wir werden?
Wer bestimmt, was keiner schrieb?

Die Motoren sind verschwunden
Die Gebäude werden klein
Hinter uns liegt Fleisch und Befehl
Vor uns liegt noch gar nichts, nein

Einer lacht, doch nicht vor Freude
Einer weint, doch nicht vor Schmerz
Jemand atmet ohne Zähler
Und erschrickt am eignen Herz

Dann geht jeder
Anders fort

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