Die Platte
Auf einen Blick
- Künstler
- Amon Düül II
- Erschienen
- 1972
- Album
- Fünftes Studioalbum
- Originaltitel
- Sieben
- Produzent
- Olaf Kübler
- Toningenieur
- Peter Kramper
Warum dieses Album wichtig ist
Das große Ensemble entdeckt die Kraft der Verdichtung
Wolf City zeigt, dass die Identität von Amon Düül II nicht davon abhing, eine LP-Seite mit einer Suite oder Improvisation zu füllen. Sieben Titel passen auf eine Platte, doch die Arrangements bewahren konkurrierende Gitarren, Keyboards, Violine, geschichteten Rhythmus und mehrere Gesangsidentitäten. Das Album folgte 1972 auf Carnival in Babylon und gibt der zunehmend knappen Phase der Band ein härteres, schärfer kontrastiertes Gegenstück. Surrounded by the Stars lässt noch längere Entwicklung zu; Titelstück und Deutsch Nepal zeigen, wie schnell das Ensemble eine vollständige dramatische Welt errichten kann.
Die dokumentierte Julisession in den Bavaria Musikstudios verankert die Platte in einem konkreten Studioprozess statt in einer vagen Erzählung vom gemeinschaftlichen Jammen. Olaf Küblers Produktion und Peter Krampers Technik halten ungewöhnliche Instrumentenkombinationen auch in kurzen Formen verständlich. Die Platte besitzt keine einheitliche Handlung; ihre Geschlossenheit entsteht aus wiederkehrenden Spannungen zwischen Einschluss und Flucht, Stadt und Landschaft, Schwere und Schweben. Ihre Bedeutung im Katalog liegt daher in der Konzentration: Das frühe experimentelle Vokabular überlebt die Verdichtung, ohne zu konventionellem Rock zu werden.
München 1972
Ein zweites Album von 1972, aufgenommen in München
Bis 1972 hatte Amon Düül II Phallus Dei, Yeti, Tanz der Lemminge und Carnival in Babylon veröffentlicht. Diese Platten bewegten sich zwischen einem seitenlangen Debütwerk, einem komponiert-improvisierten Doppelalbum, Suiten, Soundtrackmaterial und zunehmend kompakten Songs. Wolf City wurde im Juli 1972 in den Bavaria Musikstudios in München aufgenommen. Es ist das fünfte Studioalbum der Band und das zweite von zwei Studioalben aus dem Jahr 1972.
Olaf Kübler produzierte, Peter Kramper nahm die Sessions technisch auf. Die Folge mit sieben Titeln verteilt drei Werke auf Seite eins und vier auf Seite zwei. Zur Gruppe gehörten Chris Karrer, John Weinzierl, Falk-Ulrich Rogner, Renate Knaup, Lothar Meid und Daniel Fichelscher. Vive la Trance folgte 1973 und setzte die Bewegung zu einem Programm in Songlänge fort, statt das frühere Doppel-LP-Modell wiederherzustellen.
Kern und Mitwirkende
Ein flexibler sechsköpfiger Kern mit titelspezifischen Mitwirkenden
Karrers Violine und Rohrblattfarben erlauben einem Titel, sein Profil ohne neue Rhythmusgruppe zu verändern. Weinzierls Gitarre kann als selbständige Linie arbeiten, statt Karrer zu verdoppeln; dadurch bleiben Riffs innerlich widersprüchlich. Rogners Orgel, Clavioline und Synthesizer erzeugen mehrere klar unterscheidbare Keyboardoberflächen, die nicht zu einem allgemeinen Mellotronteppich zusammengezogen werden dürfen. Knaup gibt dem Album eine kraftvolle Hauptstimme und wirkt in Ensemblechören mit. Das macht Instrumental zu einer offensichtlich irreführenden Kategorie.
Meid verbindet das Bassfundament mit Gesang und Synthesizer und singt nachweislich die Hauptstimme im Titelstück. Fichelscher ist nicht nur Schlagzeuger: Gitarren- und Gesangscredits binden den rhythmischen Kern in das größere Arrangementnetz ein. Jackson und Gromer fügen erkennbare Farben hinzu, ohne Mitglieder des sechsköpfigen Kerns zu werden. Kübler und Kramper gestalten das Aufnahmeergebnis durch Produktion und Technik; instrumentale Beiträge werden nur dort genannt, wo die Dokumentation sie trägt.
Kompakte Psychedelia
Dichte Klangfarbe in knappen Songformen
Wolf City ist nach den früheren Maßstäben der Band kompakt, vereinfacht seine Titel aber nicht auf je eine Gitarren-, Bass- und Schlagzeugspur. Surrounded by the Stars durchläuft mehrere Zonen und bringt Gesangsaussage und instrumentale Entwicklung über seine Länge ins Gleichgewicht. Green-Bubble-Raincoated-Man führt akustische und ungewöhnliche Saitenfarben in einen Songrahmen mit wechselnder Oberfläche. Jail-House Frog bevorzugt einen körperlicheren Rhythmusangriff und lässt Seite eins mit Verdichtung statt Ausweitung enden.
Das Titelstück verbindet harte E-Gitarren, Orgel, Bass, Schlagzeug und gestapelte Stimmen in wenig mehr als drei Minuten. Wie der Wind am Ende einer Straße öffnet Seite zwei zu einem geräumigeren instrumentalen Feld und schafft Entlastung, ohne bloß dekoratives Zwischenspiel zu sein. Deutsch Nepal erzeugt mit wiederholtem vokal-rhythmischem Gewicht eine geschlossene dramatische Szene. Sleepwalker’s Timeless Bridge verbindet zum Schluss traumartige Schwebe mit wiederkehrendem Rockpuls und fasst das Gleichgewicht aus Bewegung und Atmosphäre zusammen.
Titel für Titel
Sieben Originaltitel ohne Zusätze aus Neuauflagen
Surrounded by the Stars
Der längste Originaltitel eröffnet mit genug Raum, um an die Suitenpraxis der Band zu erinnern, verhält sich aber wie ein konzentrierter Song mit erweitertem instrumentalen Atem. Knaups Stimme gibt dem kosmischen Titel ein menschliches Zentrum; Gitarren, Keyboards und Rhythmus verändern fortwährend das Feld darum. Die Sterne müssen kein wörtlicher Ort sein. Einschluss ist das nützlichere Bild, weil das Arrangement die Stimme immer wieder umkreist und bedrängt. Die fast acht Minuten verbinden Wolf City mit dem Maßstab früherer Werke, ohne die lange Form über die restliche LP bestimmen zu lassen.
Green-Bubble-Raincoated-Man
Der zusammengesetzte Titel führt eine surreale Figur über Farbe, Oberfläche und Kleidung statt über Biografie ein. Sitar und andere Saitenfarben erweitern das Arrangement, doch der Rhythmus bleibt gerichtet und driftet nicht in eine allgemeine östliche Atmosphäre. Vokalabschnitte und instrumentale Wendungen lassen die Figur erscheinen und wieder verschwinden. Zwischen dem weiten Auftakt und dem direkten Seitenschluss bildet das Stück das Gelenk der ersten Seite: fremdartiger und feiner strukturiert als ein herkömmlicher Rocksong, aber knapp genug, dass jeder Klangfarbenwechsel zu einem einzigen Porträt gehört.
Jail-House Frog
Ein verdichteter, körperlicher Titel beendet Seite eins mit Gefangenschaft im Namen und einem kraftvollen Ensemble in den Rillen. Das Froschbild macht die Haft grotesk statt naturalistisch; eine wörtliche Handlung ist unnötig. Schlagzeug und Bass treiben das Stück vorwärts, Gitarre und Stimme schärfen seine Kanten. Nach zwei längeren Titeln erhöht die Kürze den Druck, weil Gesten ohne weite Übergänge eintreffen. Die Platzierung ist entscheidend: Die Seite verflüchtigt sich nicht in Atmosphäre, sondern fällt wie eine Tür zu und bereitet den unmittelbaren Angriff des Titelstücks nach dem Umdrehen vor.
Wolf City
Seite zwei beginnt mit der kürzesten entschiedenen Aussage des Albums. Die Originalcredits dokumentieren Lothar Meid an Bass und Hauptgesang, Daniel Fichelscher an Schlagzeug und Hintergrundstimme, Karrer und Weinzierl an E-Gitarren, Rogner an Orgel sowie Knaup, Fichelscher und Weinzierl im Hintergrundgesang. Diese Verteilung erklärt die Dichte ohne erfundene Musiker. Stadt und Wolf verschmelzen zu einem bedrohlichen Namen; ein kompaktes Riff und gestapelte Antworten machen das Mischwesen unmittelbar. Es ist Ensembletheater in Singlelänge.
Wie der Wind am Ende einer Straße
Der deutsche Titel Wie der Wind am Ende einer Straße bewegt sich aus dem städtischen Einschluss des Titelstücks zu einem unsichtbaren Raum dahinter. Das instrumentale Arrangement erzeugt Entfernung durch gehaltene Farbe und kontrollierte Bewegung, statt eine Flucht zu erzählen. Als zentrales wortloses Stück zeigt es außerdem, warum ein Instrumental das gesungene Album nicht zu einer Instrumentalveröffentlichung macht. Seine längere Spanne verlangsamt Seite zwei genau am richtigen Punkt. Die Musik bildet eine Schwelle zwischen dem konzentrierten Titelsong und dem schweren Vokalritual von Deutsch Nepal.
Deutsch Nepal
Eine wiederholte tiefe Stimme und bewusstes rhythmisches Gewicht schaffen eine der geschlossensten Darbietungen des Albums. Der Titel verbindet ein nationales Adjektiv mit einem fernen Land, doch der Song liefert weder verlässlichen Reisebericht noch dokumentiertes politisches Programm. Seine Wirkung entsteht aus Gegenüberstellung, Stimme und Druck. Nach dem luftigen Instrumental fühlt sich jeder Einsatz näher an. Die Kürze verhindert, dass rituelle Wiederholung zum offenen Jam wird. So ist das Stück die dunkle Kammer der zweiten Seite, bevor der Schluss Atmosphäre wieder mit Vorwärtsbewegung verbindet.
Sleepwalker's Timeless Bridge
Das Finale verbindet eine sich bewegende Figur, angehaltene Zeit und eine zum Überqueren gebaute Struktur. Gitarre, Keyboards, Rhythmus und Stimme schaffen einen wiederkehrenden Weg statt einer triumphalen Auflösung. Traumartige Passagen behalten ihren Puls; Schlafwandeln entsteht durch veränderte Aufmerksamkeit und nicht durch Stillstand. Als siebter Originaltitel bündelt es Übergang, instabile Identität, Landschaft und Einschluss, ohne daraus einen verborgenen Erzählzyklus zu machen. Das Ende vollendet die zweiseitige Folge emotional größer als das Titelstück, bleibt aber der konzentrierten, innerlich vielfältigen Form von Wolf City treu.
Städtische Unruhe
Städte, Einschluss, Landschaft und unsicherer Übergang
Wolf City ist eine thematisch verbundene Folge und kein dokumentiertes Konzeptalbum mit einer Handlung. Mehrere Titel verbinden Person oder Wesen mit einer Umgebung: Sterne umgeben, ein Regenmantel bedeckt, ein Gefängnis schließt ein und eine Stadt wird zum Tier. Die Verbindung Wolf-Stadt macht das urbane Leben bedrohlich, ohne einen wirklichen Ort festzulegen. Wie der Wind am Ende einer Straße setzt eine Grenze, an der gebaute Umgebung in vorgestellte Bewegung übergeht.
Deutsch Nepal verbindet zwei geografische Begriffe in bewusst instabiler Beziehung, statt einen sachlichen Reisebericht zu liefern. Schlafwandeln und Zeitlosigkeit machen am letzten Übergang die Wahrnehmung unzuverlässig. Die Folge stellt Einschluss immer wieder dem Durchgang gegenüber; so erhalten beide LP-Seiten einen emotionalen Bogen ohne wiederkehrende Figuren. Surreale Titel und Theaterstimmen sind hier albumspezifische Mittel und kein Beleg dafür, dass jede Platte der Band dieselbe psychedelische Geschichte erzählt.
Original-LP
Falk Rogner rahmt eine Stadt der Verwandlungen
Falk-Ulrich Rogner ist sowohl für das Artwork als auch für Keyboards dokumentiert. Das Cover zeigt eine dichte imaginierte Umgebung, die zum Titel Wolf City passt, statt ein schlichtes Bandfoto zu verwenden. Seine visuelle Schichtung entspricht der Methode der Platte, viele instrumentale Identitäten auf engem Raum zu verdichten. Die Original-LP trennt drei Titel auf Seite eins von vier auf Seite zwei.
Diese Asymmetrie ist bedeutsam: Die erste Seite enthält längere Werke, während die zweite mit dem kompakten Titelstück beginnt und rascher den Maßstab wechselt. Liberty- und United-Artists-Ausgaben können verschiedene Katalogangaben und Labelmarken tragen, ohne andere Alben zu sein. Spätere CD-Verpackungen stellen Bonusmaterial manchmal stärker heraus als die ursprüngliche Seitenstruktur. Eine werkgetreue Darstellung rückt die sieben Songs der LP von 1972 ins Zentrum und kennzeichnet Zusätze getrennt.
Fünftes Album
Eine kompakte Aussage der Liberty-Ära
Wolf City erschien 1972 als fünftes Studioalbum von Amon Düül II. Es folgte auf Carnival in Babylon, das ebenfalls 1972 veröffentlicht wurde, und ging ihm nicht voraus. Die Aufnahme ist für Juli in den Bavaria Musikstudios in München dokumentiert. Olaf Kübler produzierte, Peter Kramper war Toningenieur.
Das Originalprogramm umfasst sieben Titel auf einer LP. Unbelegte Chartspitzen, Verkaufszahlen oder Behauptungen eines sofortigen kommerziellen Durchbruchs werden hier nicht genannt. Das knappe Format machte die Platte zugänglicher als die vorangegangenen Doppelalben, ohne die instrumentale Breite der Band zu entfernen. Spätere Kritik behandelt sie häufig als starken Endpunkt der frühen Liberty-Phase.
Konzentration im Katalog
Ein konzentriertes Gegenstück zu den frühen Doppelalben
Wolf City belegt dauerhaft, dass der frühe Höhepunkt der Band neben ausgedehnter Improvisation auch knappen Albumbau umfasste. Das Titelstück ist ein besonders ökonomisches Beispiel für verteilte Stimmen, zwei E-Gitarren, Orgel, Bass und Schlagzeug. Surrounded by the Stars bleibt lang genug, um die Platte mit dem Maßstab früherer Werke zu verbinden. Die deutsch betitelten Stücke der zweiten Seite bewahren die lokale Identität der Gruppe innerhalb einer international veröffentlichten Platte.
Rogners elektronische Keyboardfarben weisen auf eine sich wandelnde Studiopalette der 1970er Jahre, ohne Wolf City in elektronische Musik zu verwandeln. Die Platte wird oft mit Yeti und Tanz der Lemminge gruppiert, doch ihre Einzel-LP-Verdichtung verdient eigene Aufmerksamkeit. Ihr Vermächtnis braucht keine Behauptung, jeder Titel habe ein benanntes späteres Genre beeinflusst. Unverwechselbar bleibt das Zusammenleben von surrealem Songhandwerk, Ensembledichte und disziplinierter Seitenfolge.
Originalprogramm
Die ursprüngliche Grenze von sieben Titeln bewahren
Das kanonische Originalprogramm enthält sieben Titel. Surrounded by the Stars eröffnet Seite eins, Jail-House Frog beendet sie. Wolf City eröffnet Seite zwei, Sleepwalker’s Timeless Bridge schließt das Album. Spätere CDs können Material anhängen, das nicht auf der LP von 1972 vorhanden war.
Mystic Blutsturz darf nicht in den ursprünglichen Trackguide eingefügt werden. Unterschiede im Remastering verändern die dokumentierte Seitenfolge nicht. Das Album enthält umfangreichen Haupt- und Hintergrundgesang; Instrumental ist deshalb ungültig. Originalcredits verhindern, dass Gäste oder Instrumente irrtümlich auf alle Titel übertragen werden.
Ein Hörweg
Den Bögen beider Seiten folgen
- Zuerst hören, wie Surrounded by the Stars Denken in Suitengröße zu einem Song verdichtet.
- Auf die wechselnden Saitenfarben in Green-Bubble-Raincoated-Man achten.
- Beachten, wie Jail-House Frog Kürze enger und körperlicher wirken lässt.
- Die Platte wenden und jede dokumentierte Stimme und jedes Instrument in Wolf City verfolgen.
- Wie der Wind als geräumiges Gelenk der zweiten Seite hören.
- Das vokale Gewicht von Deutsch Nepal mit der vorangegangenen instrumentalen Luft vergleichen.
- Sleepwalker’s Timeless Bridge die Seite beenden lassen, bevor Bonusmaterial aus Neuauflagen erkundet wird.
Recherche und Quellen
Quellen und weiterführende Lektüre
- Originalausgabe, Session, Programm und Titelcredits von Wolf City — MusicBrainz
- Albumdaten und kritischer Überblick zu Wolf City — AllMusic
- Besetzungs- und Produktionscredits zu Wolf City — Amoeba Music
- Veröffentlichungschronologie von Amon Düül II — MusicBrainz
- Bandgeschichte und Katalogkontext von Amon Düül II — AllMusic