*Performance* verbringt die erste Hälfte seiner Laufzeit damit zu beweisen, dass ein Gangster und ein Rockstar nichts gemeinsam haben, und die zweite damit, diesen Unterschied zu zerstören
Donald Cammells und Nicolas Roegs Performance beginnt in einer Londoner Unterwelt aus Schuldeneintreibung, Demütigung und Gewalt. James Fox spielt Chas, einen Kriminellen, dessen Identität von Aggression, maßgeschneiderter Kleidung und absoluter Gewissheit über die eigene Rolle abhängt. Als ihn ein Konflikt mit seiner Organisation in den Untergrund zwingt, gelangt er in ein Haus in Notting Hill, das Turner bewohnt, ein zurückgezogen lebender Rockstar, gespielt von Mick Jagger, zusammen mit seinen Gefährtinnen Pherber und Lucy. Die beiden Welten erscheinen gegensätzlich. Die eine ist hart, männlich und brutal zweckmäßig. Die andere sexuell fluide, drogendurchtränkt, bohèmehaft und psychologisch instabil. Allmählich enthüllt der Film, dass beide auf Darstellung beruhen.
Das BFI datiert den Film auf 1970 und nennt Cammell und Roeg gemeinsam als Regisseure. Zugleich hält es fest, dass Warner Bros. den Film nach dem Dreh ungefähr zwei Jahre zurückhielt, weil die Verantwortlichen über das erhaltene Werk entsetzt waren. Criterions aktuelle restaurierte Fassung dauert 105 Minuten; der Werkdatensatz des BFI nennt 102, der BFI Player 106. Die Abweichung bei der Laufzeit ist geringer als die Identitätskrise im Film. Auch sonst bleibt fast nichts stabil.
Donald Cammell bringt die Unterwelt und die okkulte Bohème ein; Nicolas Roeg eine Kamera, die selbst die Zeit unzuverlässig machen kann
Die gemeinsame Regienennung ist wichtig, weil die spätere Filmgeschichte häufig Roeg in den Mittelpunkt rückt. Seine weitere Laufbahn mit Walkabout, Don't Look Now und The Man Who Fell to Earth lässt Performance wie den Beginn eines wiedererkennbaren Regiestils erscheinen. Das BFI betont zu Recht Cammells Rolle als Co-Regisseur und Drehbuchautor. Das ursprüngliche Konzept, die Dialogwelt und der Zusammenstoß zwischen dem kriminellen London und der Gegenkultur gingen wesentlich aus seinen Interessen und Kontakten hervor. Roeg, bereits ein versierter Kameramann, gab dem Material eine visuelle und montagetechnische Logik der Fragmentierung. Schnitte verbinden Körper, Gegenstände und Handlungen eher durch Assoziation als durch gewöhnliche Kontinuität. Zeit kann elastisch werden. Identität kann von einem Gesicht in ein anderes überzugehen scheinen. Die Regisseure erzählen nicht bloß von psychologischer Auflösung. Sie entziehen dem Publikum einige der üblichen Montagesignale, mit denen Personen voneinander getrennt gehalten werden.
James Fox ist der Grund, weshalb Mick Jagger fremdartig sein kann, ohne den gesamten Film allein durch seine Berühmtheit tragen zu müssen
Die Besetzung Jaggers zieht naturgemäß Aufmerksamkeit auf sich. Der Film funktioniert, weil James Fox schon vor Turners Erscheinen ein ebenso starkes Zentrum schafft. Chas ist kein beliebiger Gangster, der darauf wartet, dass ein Rockstar den Film interessant macht. Fox formt eine Figur, deren körperliches Selbstvertrauen und soziale Regeln so präzise sind, dass ihre spätere Destabilisierung echtes Gewicht besitzt. Das BFI hat darauf hingewiesen, wie unerwartet diese Rolle in Fox' Laufbahn war. Er wirkt hart genug, damit das Unterweltmilieu ohne Ironie funktioniert. Das ist entscheidend, denn die späteren Identitätsspiele des Films verlangen, dass das Publikum den anfänglichen Unterschied zwischen Chas und Turner glaubt. Würden beide von Anfang an wie Varianten bohèmehafter Coolness erscheinen, hätte ihre Verschmelzung kaum Bedeutung. Der Film errichtet erst die Mauer, bevor er sie durchlässig macht.
Mick Jaggers Turner fesselt, weil er einen Rockstar spielt, dessen kreative Energie vielleicht bereits versiegt ist
Turner wird nicht auf dem Höhepunkt seiner Bühnenmacht gezeigt. Er lebt in einem Haus, umgeben von Bildern, Liebhaberinnen, Drogen und Spuren einer Karriere, die zum Stillstand gekommen zu sein scheint. Darin liegt ein kluger Einsatz Jaggers. Der Film verlangt nicht von ihm, die Rolling Stones auf der Leinwand nachzubilden. Turner wird zur fiktiven Möglichkeit dessen, was geschieht, wenn Charisma fortbesteht, nachdem die Richtung unsicher geworden ist. Das Publikum bringt Jaggers reale Berühmtheit zwangsläufig mit in den Raum. Cammell und Roeg nutzen dieses Gepäck, statt seine Existenz zu leugnen. Turner kann wenig sagen und dennoch die Aura eines Menschen tragen, der gewohnt ist, betrachtet zu werden. Berühmtheit wird zu einer weiteren Form der Verkleidung. Der Film fragt, ob Chas etwas davon tragen kann.
Anita Pallenberg macht die Grenze zwischen der Geschichte der Rolling Stones und der Fiktion besonders instabil
Anita Pallenbergs Auftritt als Pherber verkompliziert die Beziehung des Films zur tatsächlichen Rockkultur. Sie war eng mit der sozialen Welt der Rolling Stones verbunden und hatte Beziehungen mit Brian Jones und Keith Richards. Ihr Spiel an Jaggers Seite in einem Film über Sexualität, Identität und Bohèmeleben trägt deshalb reale kulturelle Assoziationen in die Fiktion hinein, selbst wenn die Figuren keine dokumentarischen Porträts sein sollen. Das ist keine Erlaubnis, jede Szene als Klatschgeschichte zu entschlüsseln. Der Film ist kein geheimer Tatsachenbericht über das Privatleben der Stones. Pallenberg verleiht ihm vielmehr Glaubwürdigkeit. Das Haus wirkt von Menschen bewohnt, die Gegenkultur als gelebte Umgebung kennen und nicht als Ausstattung, die eine Kostümabteilung erfunden hat. Der Unterschied ist fein und wirkungsvoll. Die Fiktion übernimmt die Temperatur der Wirklichkeit, ohne zum Beweis über sie zu werden.
Jack Nitzsches Soundtrack macht den Film zum Musikfilm, obwohl er relativ wenig herkömmliche Darbietung enthält
Die musikalische Identität des Films reicht über Jaggers Anwesenheit hinaus. Jack Nitzsche komponierte die Originalmusik; der Soundtrack vereint Ry Cooder und weitere Musiker mit "Memo from Turner", Jaggers zentralem Songauftritt. Das BFI verweist außerdem auf Cooders Interpretation von "Dark Was the Night, Cold Was the Ground". Musik funktioniert nicht als eigenständige Konzertsequenz, die die Handlung unterbricht. Sie verändert die psychologische Temperatur der Szenen. Blues, Rock und Filmmusik bewegen sich durch dieselbe gebrochene Klangwelt wie Dialog und Umgebungsgeräusche. Deshalb gehört Performance in einen Kanon des Musikfilms, obwohl er im Kern ein Kriminaldrama ist. Rockkultur ist nicht bloß Gegenstand, sondern eines der Montagematerialien des Films.
"Memo from Turner" verwandelt das Gangsterbüro in einen Musikvideoraum, bevor das Musikvideo eine feste kommerzielle Sprache besitzt
Die Sequenz zu "Memo from Turner" ist der deutlichste Augenblick, in dem Musik die Welten des Films verschmilzt. Jagger tritt in einer Bildsprache auf, die mit Chas' kriminellem Umfeld verbunden ist. Gangstergesichter, Büromacht und Rockstarpräsenz werden austauschbar. Die Szene hält den Film nicht so an, wie es eine traditionelle Musicalnummer tun könnte. Sie verschärft das Identitätsexperiment. Jaggers Auftritt verhält sich Jahrzehnte vor MTV wie ein Musikvideo und bleibt doch untrennbar mit der Frage der Handlung verbunden, wer wen bewohnt. Die Sequenz wurde zu einem der beständigsten Teile des Films, weil sie sowohl eigenständig als auch strukturell funktioniert. Ein Song lässt sich herauslösen. Der Film gibt dieser Herauslösung einen gefährlichen Zusammenhang.
Der Schauplatz Notting Hill ist wichtig, weil die spätere Gentrifizierung das Bohèmemilieu luxuriöser erscheinen lässt, als es war
Die Standortgeschichte des BFI zeigt, wie umfassend der Film London anstelle einer anonymen Studiowelt nutzte. Notting Hill trug 1968 eine andere soziale und wirtschaftliche Bedeutung als das später wohlhabende Viertel. Das von Turner bewohnte Haus wirkt von gewöhnlicher Respektabilität abgesondert und zugleich mit einer Stadt verbunden, die einen raschen kulturellen Wandel erlebt. Diese Geografie ist wichtig, weil der Film verschiedene Londons gegeneinanderstellt. Chas bewegt sich durch kriminelle Geschäftsnetze, Gerichtsräume und Straßen, die mit einer Form städtischer Kontrolle verbunden sind. Turners Haus bietet eine andere soziale Ordnung. Spätere Immobilienwerte können das Gebäude rückblickend glamourös erscheinen lassen. Der Ort von 1968 war instabiler. Städte schreiben die Klassenbedeutung von Filmorten neu, auch wenn das Filmmaterial unverändert bleibt.
Dass Warner Bros. den Film zwei Jahre zurückhielt, wurde Teil seiner Legende, doch die Verzögerung offenbart auch ein industrielles Problem
Laut BFI hielt Warner Bros. Performance zwei Jahre zurück, nachdem das Studio ein konventionelleres Starvehikel finanziert und stattdessen einen sexuell expliziten, gewalttätigen und fragmentierten Film erhalten hatte, dessen Markt schwer zu bestimmen war. Spätere Berichte reduzieren die Verzögerung bisweilen auf verständnislose Manager, die ein Meisterwerk nicht erkannten. Das kommerzielle Problem war jedoch real: Der Film beginnt als Gangsterfilm, verwandelt sich in ein Identitätsexperiment und weigert sich, Mick Jagger zum Zentrum eines geradlinigen Rolling-Stones-Vehikels zu machen. Selbst ein Trailer drohte entweder mehr Krimi oder mehr Rock zu versprechen, als der Film tatsächlich bot. Das Unbehagen des Studios ist historisch aufschlussreich, denn es zeigt, wie schnell die Jugendkultur herkömmlichen Genrekategorien davongelaufen war. Der Film konnte entstehen, bevor der Markt wusste, in welche Schachtel er gehörte.
Die Geschichte der US- und UK-Tonfassungen verlangt, dass moderne Restaurierungen benennen, welches *Performance* sie zeigen
Criterions 4K-Ausgabe nennt ausdrücklich die Tonspur der ursprünglichen britischen Fassung und enthält Material über die für die US-Version vorgenommenen Dialogsynchronisationen. Das ist kein belangloses Sammlerdetail. Stimmen sind Teil der Figurenidentität in einem Film, der von Identität besessen ist. Eine veränderte Sprechweise kann soziale Textur, Klasse und Authentizität verschieben.
Die 2024 abgeschlossene 4K-Restaurierung von Warner Bros., die später Criterions 4K-Veröffentlichung von 2025 zugrunde lag, bietet daher eine besonders wertvolle moderne Referenz. Sowohl La Cinémathèque française als auch die Biennale di Venezia dokumentieren die Warner-Restaurierung. Der Film, den das Studio einst zurückhielt, weil es nichts mit ihm anzufangen wusste, erhält nun Bewahrung auf höchstem kommerziell-archivalischem Niveau. Die Filmgeschichte besitzt einen Sinn für Ironie.
Das Verhältnis des Films zu Geschlecht und Sexualität bleibt provokant und historisch widersprüchlich
Performance destabilisiert bewusst konventionelle Männlichkeit. Chas' harte kriminelle Identität betritt ein Haus, in dem Kleidung, Begehren, körperliche Grenzen und Geschlechtsdarstellung weniger festgelegt sind. Für das Studiokino von 1968 war der Film radikal. Zugleich gehört er in eine Epoche, deren Darstellungen von Frauen, Bisexualität und Macht stark vom männlichen künstlerischen Blick geprägt wirken können. Anita Pallenberg und Michèle Breton tragen beträchtliches visuelles und psychologisches Gewicht, doch das Interesse der Kamera ist politisch nicht neutral. Der Wert liegt in der Instabilität, nicht darin, den Film als eindeutige progressive Erklärung zu behandeln. Gegenkultur konnte eine Norm angreifen und gleichzeitig eine andere reproduzieren. Die Widersprüche des Films sind Teil seines historischen Zeugniswerts.
Der spätere Einfluss ist am deutlichsten in Filmen zu erkennen, die Identität durch Montage statt durch Dialog behandeln
Roegs späteres Kino entwickelt Techniken weiter, die hier bereits sichtbar sind. Auch britische Kriminalfilme erben den Zusammenstoß zwischen Gangstermännlichkeit und psychologischer Auflösung. Eine weitere Linie führt zum Musikvideo. Modefotografie, fragmentierte Erzählweise und Rockstarbesetzung finden hier sämtlich brauchbares Material. Dieser Einfluss sollte nicht auf eine Liste späterer Regisseure reduziert werden, die Performance bewunderten. Das tiefere Erbe des Films ist eine Methode: Montage kann Identität destabilisieren, bevor das Drehbuch erklärt, weshalb. Diese Methode wirkt bis heute modern.
Der Film ist das perfekte Gegenstück zu *Privilege*, weil beide Berühmtheit als Macht begreifen, aber uneins darüber sind, wer sie kontrolliert
In Privilege stellen Institutionen einen Popstar her und verwalten ihn, weil Berühmtheit ein Massenpublikum kontrollieren kann. In Performance ist die Macht des Stars intim, privat und instabil. Turner kontrolliert keine Nation. Er verändert die psychologischen Regeln innerhalb eines Hauses. Dieser Unterschied macht die beiden Filme zu aufschlussreichen Begleitwerken. Der eine handelt davon, wie Berühmtheit zur politischen Infrastruktur wird. Der andere davon, wie Darstellung zur persönlichen Infektion wird. Beide verstehen das Rockimage als etwas Mächtigeres als Musikwerbung. Deshalb wirken sie noch immer gefährlich, lange nachdem ihre Frisuren historisch geworden sind.
Hinweis zum Ansehen und Sammeln
Die bevorzugte moderne Präsentation ist die 4K-Restaurierung von Warner Bros. aus dem Jahr 2024, insbesondere Criterions 105-minütige Ausgabe der ursprünglichen britischen Fassung von 2025. Der 102-minütige Werkdatensatz und der 106-minütige Player-Datensatz des BFI sollten getrennt erhalten bleiben, statt einen davon vorschnell für fehlerhaft zu erklären.