Die Platte
Auf einen Blick
- Künstler
- Amon Düül II
- Erschienen
- 1970
- Album
- Zweites Studioalbum
- Originalformat
- Doppel-LP, vier Seiten
- Toningenieur
- Willi Schmidt
- Cover
- Falk-Ulrich Rogner
Warum dieses Album wichtig ist
Komposition und Improvisation teilen sich ein Gatefold
Yeti macht die beiden zentralen Arbeitsweisen von Amon Düül II gleichberechtigt sichtbar, statt sie zu einem allgemeinen psychedelischen Stil zu vermischen. Die erste Platte enthält das mehrteilige Soap Shop Rock, knappe Songs, Instrumentals und abrupte Theaterübergänge. Auf der zweiten Platte sind alle drei Stücke als Improvisationen bezeichnet; kollektive Dauer und Reaktion werden zum ausdrücklichen Gegenstand. Chris Karrers Violine und Gitarre, John Weinzierls Gitarre, Falk-Ulrich Rogners Keyboards, Bass, mehrere Perkussionisten und Renate Knaups Gesang schaffen ein dichtes Ensemble, dessen Zentrum rasch wechseln kann.
Archangels Thunderbird verdichtet den Angriff der Band zu einem kurzen, einprägsamen Vokaltitel, ohne für das ganze Album zu stehen. Die achtzehnminütige Improvisation Yeti zeigt, wie Rhythmus und Textur ohne vorab festgelegte Suitenkarte Struktur bilden. Sandoz in the Rain schließt mit akustischer Offenheit und Gästen aus dem weiteren Amon-Düül-Kreis und setzt den schwersten elektrischen Passagen etwas entgegen. Das Album ist wichtig, weil Freiheit und Arrangement als benachbarte Disziplinen erscheinen, die einander verständlicher machen.
1970
Eine Münchner Kommuneband erweitert sich nach dem Debüt
Amon Düül II ging aus der Münchner Kommune Amon Düül als aufführungsorientierte Gruppe hervor und unterschied sich von Aufnahmen unter dem Namen Amon Düül. Das Debüt Phallus Dei von 1969 hatte bereits lange Formen, rituelle Perkussion, E-Gitarre, Violine und konfrontativen Gesang etabliert. Auf Yeti erweiterte die Gruppe diese Sprache über eine Doppel-LP, statt nur eine längere Version des Debüts zu schaffen. Zum dokumentierten Kern gehörten Chris Karrer, John Weinzierl, Falk-Ulrich Rogner, Renate Knaup, Peter Leopold, Dieter Serfas, Christian „Shrat“ Thiele und Bassist Dave Anderson.
Amon Düül II und Manager-Produzent Olaf Kübler teilen den Produktionscredit; Willi Schmidt war Toningenieur. Liberty veröffentlichte das deutsche Doppelalbum 1970 als LBS 83359/60 X. Die Originalarchitektur legte komponiertes Material auf die Seiten eins und zwei, gefolgt von einer seitenlangen Improvisation und zwei Improvisationen auf Seite vier. Danach erschien Tanz der Lemminge, ein weiteres Doppelalbum, das die Langformambitionen der Gruppe neu ordnete.
Amon Düül II
Ein vielstimmiges Ensemble mit drei klar begrenzten Gästen
Karrers Violine kann zu einer ebenso kraftvollen Hauptstimme werden wie die verzerrte Gitarre, besonders wenn gehaltene Töne durch die Bewegung zweier Schlagzeuge schneiden. Weinzierl liefert klar umrissene Riffs und schärfere elektrische Linien, die die komponierten Seiten strukturell lesbar machen. Rogner wechselt zwischen Orgelatmosphäre, Bassfunktion und visueller Urheberschaft und verbindet so inneren und äußeren Aufbau. Knaups Stimme reicht von Beschwörung und Schrei bis zur direkten Melodieführung; damit ist eine Instrumental-Kennzeichnung eindeutig falsch.
Leopold und Serfas erzeugen überlagerte Rhythmusschichten statt einen für mehr Gewicht verdoppelten Schlagzeuger. Shrat ergänzt Handperkussion, Violine und Stimme und verstärkt das Gefühl eines kollektiven Rituals. Anderson stabilisiert die tiefen Bewegungen im dichten Kernprogramm. Bauer, Ulrich Leopold und Keyserling bleiben auf die dokumentierte Schlussimprovisation begrenzt und werden nicht als Mitglieder des ganzen Albums behandelt.
Strukturiert und frei
Acid-Gitarre, Violine, zwei Schlagzeuge und instabile Luft
Soap Shop Rock durchläuft benannte Abschnitte, deren Wechsel Riff, Vokaltheater, Violinenfarbe und plötzliche Beschleunigung umfassen. She Came Through the Chimney verkleinert den Maßstab, behält aber eine unruhige akustisch-elektrische Kante. Archangels Thunderbird wird von einer straffen Gitarrenfigur und Knaups gebieterischem Gesang getragen und lässt Kürze explosiv wirken. Cerberus erzeugt mit akustischem Picking und Perkussion eine kreisende, folkloristische Bewegung.
Eye-Shaking King kehrt zu elektrischer Dichte zurück; in Pale Gallery dominieren Schlagzeug und instabiler Gitarrenraum. Die Yeti-Improvisation wächst durch kollektives Zuhören: Ein Puls entsteht, löst sich auf und kehrt unter wechselnder instrumentaler Führung zurück. Yeti Talks to Yogi ist kürzer und im Austausch gesprächiger. Sandoz in the Rain öffnet die Textur mit Flöte, akustischen Saiten und sanfterer Gemeinschaftsstimme und beendet das Doppelalbum in Schwebe statt Eroberung.
Titel für Titel
Zehn Wegmarken auf vier ursprünglichen Seiten
Soap Shop Rock
Vier benannte Abschnitte — Burning Sister, Halluzination Guillotine, Gulp a Sonata und Flesh-Coloured Anti-Aircraft Alarm — bilden eine durchgehende Eröffnungssuite. Gitarre, Violine, Rhythmus und Stimme verändern fortwährend ihr Verhältnis; das Werk wirkt inszeniert, ohne eine feste Geschichte zu erzählen. Die Abschnittscredits sind wichtig: Dies ist komponierte Architektur und nicht die freie Seite von Yeti, die verfrüht einsetzt. Die alarmartige Intensität des Schlusses etabliert die Lust des Doppelalbums an grotesken Bildern und abrupten Formwechseln.
She Came Through the Chimney
Auf die Suite folgt ein kompakter Übergang mit offeneren akustischen Farben und rätselhaftem Titel. Das Arrangement senkt die Dichte, ohne pastorale Beruhigung zu werden. Stimme und Instrumentaldetails deuten Ankunft an, liefern aber keine Vorgeschichte einer Figur. Die kurze Form verhindert, dass Seite eins im gewaltigen Register der Suite endet, und zeigt Zurückhaltung als strukturellen Kontrast.
Archangels Thunderbird
Ein straffes elektrisches Riff, kraftvolles Schlagzeug und Renate Knaups Hauptstimme machen dies zum unmittelbarsten Song des Albums. Wörter und Titel verbinden apokalyptische mit technischen Bildern, ohne eine wörtliche Handlung zu ergeben. Die Ökonomie gibt jeder Attacke Gewicht. Als Auftakt von Seite zwei beweist das Stück, dass sich die kollektive Dichte von Amon Düül II zu einer singletauglichen Form verdichten lässt und dennoch rau bleibt.
Cerberus
Akustische Saiten und Handperkussion etablieren eine kreisende Figur mit folkloristischen und mediterranen Anklängen. Der mythologische Wachhund im Titel fügt Bedrohung hinzu, doch die Musik arbeitet mit zyklischer Bewegung statt dramatischer Illustration. Karrers Komposition bildet nach Archangels Thunderbird ein ruhigeres Zentrum. Die Wiederholung ist haptisch und von Saiten geführt — eine andere Disziplin als der elektronische Puls anderer deutscher Gruppen.
The Return of Ruebezahl
Diese kurze Miniatur ruft den Berggeist Rübezahl auf und wirkt beinahe wie ein theatralischer Auftritt. Ihre Dauer verhindert eine ausgeführte Handlung. Stattdessen verbinden ein knappes Motiv und eine Ensemblegeste Cerberus mit Eye-Shaking King. Mythos ist ein Titelimpuls innerhalb der Folge und kein Beleg dafür, dass das ganze Album einer einzigen Volkssage folgt.
Eye-Shaking King
E-Gitarre, Violine, Schlagzeug und Stimme bauen den schwersten Maßstab der Seite neu auf. Die körperliche Unmöglichkeit des Titels entspricht einer Musik, die die Sinneswahrnehmung überlädt. Riffs und Ensembleschübe bleiben arrangiert und unterscheiden das Stück von den ausdrücklich benannten Improvisationen der zweiten Platte. Seine Länge lässt Spannung wiederkehren, statt nur auszubrechen, und macht es zur wichtigsten elektrischen Entwicklung auf Seite zwei.
Pale Gallery
Schlagzeugwirbel, instabile Gitarre und sparsame Atmosphäre schließen die komponierte Platte. Rogners Stück verhält sich wie ein Raum nach dem stärker bevölkerten Eye-Shaking King: Perkussion bestimmt die Architektur, andere Klänge erscheinen als bewegte Ausstellungsstücke. Da Ausgaben bei der Laufzeit abweichen, folgt dieser Guide dem ursprünglichen deutschen Programm und behauptet keinen allgemein gültigen erweiterten Master.
Yeti (Improvisation)
Die ganze dritte Seite beginnt ohne gedruckte innere Karte. Rhythmus, Gitarre, Violine und Orgel schaffen durch gegenseitige Reaktion vorläufige Zentren. Motive kehren zurück, weil die Musiker sich erinnern und antworten, nicht weil eine Suite ihre Rückkehr verlangt. Die achtzehnminütige Form wechselt wiederholt vom Puls in schwebende Textur und zurück. Improvisation bedeutet nicht Formlosigkeit; ihre Struktur entsteht während der Aufführung und wird von der Aufnahme bewahrt.
Yeti Talks to Yogi (Improvisation)
Der kürzere Auftakt der vierten Seite macht aus dem Wesen im Titel einen Dialog. Instrumentalphrasen antworten über verschiedene Register hinweg; Perkussion hält den Austausch beweglich, ohne einen Rocksong zu erzwingen. Gegenüber der vorherigen Seite treffen Ereignisse schneller und gesprächiger ein. Der spielerische Name verhindert, dass die okkulten Bilder des Doppelalbums durchgehend feierlich werden.
Sandoz in the Rain (Improvisation)
Flöte, akustische Gitarre, Bass und gemeinsame Stimmen schaffen die leichteste Schlussumgebung des Albums. Die Gäste Rainer Bauer, Ulrich Leopold und Thomas Keyserling sind hier dokumentiert. Der Name Sandoz lädt zu psychedelischen Assoziationen ein, doch die Musik braucht keine erfundene Anekdote über eine Drogensession. Regen wird durch Sanftheit und Fluss statt wörtliche Effekte angedeutet. Das Ende entlässt das Doppelalbum aus dem verstärkten Kampf in gemeinschaftliche Schwebe.
Psychedelischer Mythos
Monster, Alarme und veränderter Mythos
Yeti erzählt keine durchgehende Konzepthandlung, auch wenn seine Titel eine wiederkehrende Welt aus Monstern, Geistern, veränderter Wahrnehmung und unwahrscheinlicher Technik aufbauen. Soap Shop Rock verbindet alltäglichen Handel mit Feuer, Halluzination und Fliegeralarm. Cerberus und Rübezahl stammen aus verschiedenen mythischen Traditionen, ohne Figuren derselben Handlung zu werden. Eye-Shaking King und Yeti erfinden Körper- oder Wesenpräsenzen, deren Musik Größe und Sinnesstörung betont.
Die Improvisationsbezeichnungen der zweiten Platte verschieben die Aufmerksamkeit vom Gegenstand auf den Akt kollektiven Schaffens. Yeti Talks to Yogi bringt Humor und Dialog in die Monsterbilder. Sandoz in the Rain bewegt sich zu moderner psychedelischer Assoziation und natürlicher Atmosphäre. Die stärkste albumweite Idee ist Koexistenz: Komposition und spontane Gruppenform besetzen gleich viel physischen Raum.
Liberty-Doppel-LP
Wolfgang Krischke wird zum Schnitter
Falk-Ulrich Rogner gestaltete das ursprüngliche Gatefoldcover. Die zentrale, schnitterartige Figur beruht auf einem Foto des früheren Amon-Düül-Weggefährten Wolfgang Krischke. Die Fotomontage macht aus einem menschlichen Porträt ein Zeichen für Tod, Wildnis und unsichere Identität. Dunkle Umgebung und starker Kontrast lassen die Figur eher entdeckt als inszeniert erscheinen.
Das Bild wird häufig Yeti genannt, doch seine Schnitterkonstruktion ist genauer als eine allgemeine Illustration eines Schneemenschen. Das Doppel-Gatefold trennt strukturierte und improvisierte Platten körperlich, hält sie aber in einem visuellen Objekt zusammen. Spätere CD-Ausgaben verdichten vier Seiten und ergänzen manchmal Singlematerial. Originalcover und Vier-Seiten-Folge bleiben die klarste Aussage über den Maßstab des Albums.
Zweites Album
Liberty gibt dem Underground ein Doppelalbum
Liberty veröffentlichte Yeti 1970 als zweites Album und erste Doppel-LP von Amon Düül II. Die deutsche Katalogkennung lautete LBS 83359/60 X; das Format war für eine Band nach nur einem Album ungewöhnlich ausgreifend. Das knappe Archangels Thunderbird erschien auch als Single und bot einen Einstieg in eine viel breitere Platte. Yeti stärkte die Stellung der Band im deutschen experimentellen Rockuntergrund und im Ausland.
Ohne stärkere Dokumentation werden hier weder genaue Chartspitze noch Verkaufszahl behauptet. Reaktionen konzentrieren sich beständig auf die Spannung zwischen komponierten psychedelischen Songs und offener Improvisation. Die Länge verwässerte die Identität nicht, weil jede LP eine eigene formale Aufgabe besitzt. Durch internationale Neuauflagen und spätere Geschichten des Krautrock und der psychedelischen Musik wuchs die Rezeption zu kanonischem Rang.
Krautrock-Meilenstein
Eine prägende frühe deutsche Psychedelic-Platte
Yeti gilt weithin als prägende Veröffentlichung von Amon Düül II und als zentrales frühes Doppelalbum der Krautrock-Ära. Sein Vermächtnis hängt nicht von der Behauptung ab, es habe deutsche psychedelische Improvisation erfunden. Die komponierte Platte beeinflusste Bands, die sich zu Theatergesang, Acid-Gitarre, Violine und abruptem Suitenbau hingezogen fühlten. Die Improvisationsplatte zeigte, dass offene Kollektivaufführung kommerziellen LP-Raum einnehmen konnte, ohne als Livebonus gerahmt zu werden.
Knaups Gesang wurde zu einem der erkennbarsten Elemente der Band. Die Coverfigur ist vom Ruf des Albums nicht zu trennen und verbindet persönliches Erinnerungsbild mit erfundener Monsterikone. Spätere Alben verfeinerten Suiten und kürzere Songs, doch nur wenige bewahren dieses genaue Verhältnis von Hälfte zu Hälfte. Yeti bleibt bestehen, weil seine Freiheit diszipliniert ist und seine Arrangements gefährlich wirken.
Die ursprünglichen vier Seiten
Das Argument aus zwei Platten bewahren
Das kanonische Programm enthält zehn indexierte Titel auf vier Seiten. Soap Shop Rock ist ein Titel mit vier benannten internen Abschnitten. Yeti füllt die gesamte dritte Seite. Yeti Talks to Yogi und Sandoz in the Rain teilen sich Seite vier.
Die letzten drei Stücke sind ausdrücklich als Improvisationen bezeichnet. Auf der komponierten Platte und in der Schlussimprovisation gibt es Gesang; Instrumental ist ungültig. Die Laufzeit von Pale Gallery unterscheidet sich zwischen manchen Ausgaben. Bonus-Singles müssen außerhalb der Grenze des ursprünglichen Doppelalbums bleiben.
Ein Hörweg
Von der Suite zur offenen Improvisation wechseln
- Soap Shop Rock anhand seiner vier Abschnittswechsel verfolgen.
- Den Seitenwechsel nutzen, um Archangels Thunderbird mit maximalem Kontrast zu hören.
- Die Folge von mythischen Miniaturen bis Eye-Shaking King verfolgen.
- Pale Gallery den Raum leeren lassen, bevor die Platte gewechselt wird.
- Yeti als Struktur aus Reaktion statt als geplante Suite hören.
- Den gesprächigeren Maßstab von Yeti Talks to Yogi beachten.
- Mit der von Gästen gefärbten akustischen Offenheit von Sandoz in the Rain enden.
Recherche und Quellen
Quellen und weiterführende Lektüre
- Ursprüngliches Doppel-LP-Programm, Credits und Laufzeiten von Yeti — MusicBrainz
- Albumgeschichte und kritische Dokumentation zu Yeti — AllMusic
- Diskografie von Amon Düül II und Ausgabenfamilie von Yeti — MusicBrainz
- Interview mit Amon Düül II und Kontext der frühen Alben — Perfect Sound Forever
- Originalausgabe und Besetzungsübersicht zu Yeti — JazzRockSoul