Eine Top-100-Liste, die gerade deshalb nützlich ist, weil niemand beweisen kann, dass sie recht hat
Der Titel 100 Best Album Covers macht ein unmögliches Versprechen und verwandelt genau diese Unmöglichkeit in das Ordnungsprinzip des Buches. Es gibt kein objektives Messverfahren, mit dem sich die hundert besten Plattencover der Geschichte zweifelsfrei bestimmen ließen. Designgeschichte produziert keine Rangliste, in der Konzept, Typografie, Einfluss, Fotografie, technische Umsetzung und emotionale Passung auf einen einzigen Wert reduziert werden können. Storm Thorgerson und Aubrey Powell wussten das, als sie das Buch 1999 für Dorling Kindersley zusammenstellten. Ihre Autorität beruht auf jahrzehntelanger Arbeit an Albumcovern mit Hipgnosis; ihre Einschränkung ist exakt dieselbe. Sie bringen professionelle Erfahrung, historisches Wissen und einen ausgeprägten persönlichen Geschmack mit, keine Neutralität.
Genau deshalb funktioniert das Buch bis heute. Die nützliche sachliche Aussage lautet nicht, dass ein ausgewähltes Cover objektiv zu den hundert besten der Geschichte gehört. Sie lautet, dass Thorgerson und Powell es für wichtig genug hielten, um es aufzunehmen, und dass die begleitenden Geschichten etwas darüber erklären, warum. Sobald die Rangfolge als Argument statt als Datenbestand verstanden wird, wird das Buch deutlich interessanter.
Designer betrachten Cover anders, weil sie das Produktionsproblem unter dem Bild erkennen können
Thorgerson und Powell waren keine Kritiker, die außerhalb des kommerziellen Designprozesses standen. Sie hatten jahrelang mit Bands, Managern, Labels, Fotografen, Illustratoren, Druckereien, Budgets, Locations, Deadlines und der ganz gewöhnlichen Angst gearbeitet, festzustellen, dass eine hervorragende Idee erheblich schwerer umzusetzen ist, als sie im Meeting klang. Diese praktische Erfahrung verändert ihren Blick auf die hier ausgewählten Cover.
Ein gelegentlicher Betrachter sieht vielleicht ein eindrucksvolles Foto oder eine elegante Typografie. Ein arbeitender Designer fragt sich zusätzlich, wie das Bild inszeniert wurde, welche drucktechnischen Grenzen überwunden werden mussten, wie die Band auf den Entwurf reagierte und warum eine Lösung bestehen blieb, während andere verworfen wurden. Der Untertitel The Stories Behind the Sleeves ist deshalb wichtiger als die Zahl hundert. Die Produktionsgeschichten geben Bildern ihre Zufälligkeit und Entstehungsgeschichte zurück, die später so vertraut wurden, dass sie beinahe unvermeidlich wirken.
Die Auswahl wird zu einem Gespräch zwischen unvereinbaren Designphilosophien
Eine Stärke des Buches ist, dass es weit über die mit Hipgnosis verbundene Bildsprache hinausgeht. Psychedelia, Jazz, Progressive Rock, Punk, New Wave, Pop und Alternative Music erscheinen über Fotografie, Illustration, Typografie, Collage und minimalistische grafische Systeme. Berühmte Cover stehen neben Entscheidungen, die in einer allgemeinen Publikumsabstimmung wahrscheinlich weniger dominant wären. So funktioniert die Liste als Sammlung von Argumenten darüber, was Albumkunst leisten kann, statt als Schrein für eine bevorzugte Epoche.
Diese Breite ist besonders wichtig, weil Hipgnosis für eine sehr spezifische Form des Ehrgeizes der Albumära stand: konzeptuelle Fotografie, surreal inszenierte Motive und aufwendige visuelle Produktion. Jamie Reids Sex-Pistols-Grafiken arbeiten mit einer radikal anderen Sprache aus Aneignung, Störung und scheinbarer Unmittelbarkeit. Peter Savilles Arbeiten für Factory erzeugen eine andere Form von Distanz durch modernistische Systeme und kontrollierte Typografie. Frühere Blue-Note-Gestaltung gehört wiederum zu einer ganz anderen visuellen Kultur. Solche Ansätze nebeneinanderzustellen, verwandelt Kanonbildung in Dialog statt in Selbstbestätigung.
Die eigene Arbeit aufzunehmen ist heikel, sie auszuschließen wäre jedoch eine andere Form der Verzerrung
Thorgerson und Powell nehmen Arbeiten auf, die mit ihren eigenen Karrieren verbunden sind, was unvermeidlich die Frage nach Selbstkuratierung aufwirft. Wenn ein Herausgeber mehrere eigene Cover in ein Buch namens 100 Best Album Covers aufnimmt, kann das wirken wie ein Musiker, der seine eigenen Songs in eine Liste der größten Platten aller Zeiten schreibt. Die Alternative wäre jedoch ebenso künstlich. Hipgnosis hat tatsächlich einige der historisch einflussreichsten Cover der LP-Ära geschaffen, und diese Arbeiten allein aus demonstrativer Bescheidenheit wegzulassen, würde das Feld verfälschen, das das Buch darstellen will.
Die vernünftige Reaktion ist Transparenz statt Verlegenheit. Die Zusammensteller sind Beteiligte an der Geschichte, die sie beurteilen. Ihre Auswahl zeigt, was zwei bedeutende Designer für wertvoll hielten, einschließlich dessen, was sie an ihrer eigenen Arbeit schätzten. Leser können weiterhin selbst entscheiden, ob die Selbstaufnahmen gerechtfertigt sind. Das ist auch für RetroForge ein nützliches Modell: Redaktionelle Autorität verlangt nicht, so zu tun, als hätte man keinen Geschmack und keinen eigenen Anteil am Thema.
Eine Rangliste wird lehrreich, wenn Widerspruch den Leser zwingt, seine Kriterien zu formulieren
Listen werden oft als oberflächlich abgetan, weil sie leicht Streit erzeugen, doch genau dieser Streit kann produktiv sein. Wenn ein Cover in der eigenen gedanklichen Hierarchie unerwartet weit oben auftaucht, muss man fragen, welche Qualität hier belohnt wird. Ist die Hülle technisch innovativ? Historisch einflussreich? Perfekt auf die Musik abgestimmt? Visuell unvergesslich? Typografisch außergewöhnlich? Kulturell allgegenwärtig? Oder wird sie schlicht von den Menschen geliebt, die die Auswahl getroffen haben?
Diese Fragen sind nützlicher als die Nummer neben dem Cover. Eine Liste wird erst dann intellektuell leer, wenn Rangordnung an die Stelle von Erklärung tritt. Thorgerson und Powell vermeiden dieses Problem, indem sie Geschichten und Designkontext liefern und den Lesern Material geben, mit dem sie zustimmen oder widersprechen können. RetroForge sollte demselben Prinzip folgen, falls einzelne Auswahlentscheidungen des Buches später diskutiert werden: Aufnahme ist ein Beleg für das kritische Urteil der Zusammensteller, kein Beweis dafür, dass ein Cover objektiv zertifiziert wurde.
Das Buch hält einen Kanon in einem ganz bestimmten historischen Moment fest
Das Veröffentlichungsjahr 1999 ist mit der Zeit interessanter geworden. Die LP hatte ihre kommerzielle Dominanz längst an die Compact Disc verloren, doch Streaming hatte Albumkunst noch nicht in ein Bild verwandelt, dem man häufig zuerst als winzigem Quadrat auf einem Smartphone begegnet. Designer und Hörer lebten in einer gemischten physischen und zunehmend digitalen Kultur, während bereits mehrere Jahrzehnte Plattencovergeschichte für eine rückblickende Bewertung zur Verfügung standen.
Dadurch funktioniert das Buch heute auch als Momentaufnahme dessen, was am Ende des 20. Jahrhunderts als kanonisch galt. Welche Cover der 1990er hatten sich bereits einen Platz verdient? Welche Entwürfe der 1960er und 1970er hatten mehrere Geschmackswenden überstanden? Welche späteren Werke des 21. Jahrhunderts fehlen aus dem naheliegenden Grund, dass sie noch gar nicht existierten? Solche Fragen machen das Buch zu einem Dokument über Kanonbildung ebenso wie über Design. Es dokumentiert die Geschichte des Erinnerns an Albumkunst, nicht nur die Geschichte ihrer Herstellung.
*Album Cover Album* und *100 Best Album Covers* zeigen zwei Stadien desselben rückblickenden Blicks
Thorgerson und Powell waren bereits in den 1970er Jahren an Album Cover Album beteiligt, als LP-Gestaltung noch ein wachsendes Massenmedium war. Das frühere Projekt feiert Fülle und versammelt ein breites visuelles Feld in einer Zeit, in der die zwölf Zoll große Hülle zentral zur Kultur aufgenommener Musik gehörte. 1999 hat sich die Aufgabe verändert. Statt die Ausbreitung zu dokumentieren, wählen die Zusammensteller aus, ordnen und entscheiden, was bewahrt werden soll.
Die beiden Bücher zusammen zu lesen, zeigt deshalb mehr als zwei Herangehensweisen an Albumkunst. Es zeigt, wie sich das Medium von aktueller Praxis in Richtung kulturelles Erbe verschiebt. 1977 ist das Feld lebendig und vervielfacht sich; 1999 beginnen bedeutende Praktiker bereits, daraus einen Kanon zu bauen. Das macht 100 Best Album Covers zu einem sinnvollen Begleiter der größeren Designbücher in diesem Bereich, weil seine Selektivität historisch aufschlussreich und nicht bloß einschränkend ist.
Die Kompaktheit macht das Buch zugänglich und setzt ihm zugleich eine offensichtliche Grenze
Mit 160 Seiten ist der Band wesentlich kompakter als The Art of the LP oder die umfangreichen Hipgnosis-Kataloge. Dadurch lässt er sich leicht durchblättern, leicht diskutieren und ist für Leser zugänglich, die noch nicht bereit sind, Hunderte Seiten in einer einzigen Designagentur oder einer breit angelegten thematischen Übersicht zu verbringen. Die begleitenden Produktionsgeschichten verhindern, dass das Buch zu einer reinen Bildanthologie wird, halten die einzelnen Einträge aber vergleichsweise knapp.
Dasselbe Format begrenzt zwangsläufig die Tiefe. Hundert Cover können auf 160 Seiten nicht monografisch behandelt werden, und jede Aufnahme erzeugt unzählige Auslassungen. Die Einordnung sollte deshalb verhältnismäßig bleiben. Dies ist ein kuratierter Einstieg und Gesprächsauslöser, keine Enzyklopädie des Plattencover-Designs. Seine Stärke liegt darin, Leser genauer hinschauen zu lassen und sie anschließend zu den spezialisierteren Büchern in diesem Umfeld weiterzuführen.
Der Gebrauchtmarkt sollte angenehm unspektakulär und ehrlich beschrieben werden
In der vorliegenden Recherche tauchte keine wesentliche moderne überarbeitete Ausgabe auf. Die maßgeblichen UK-Ausgaben von Dorling Kindersley und US-Ausgaben von DK bleiben das Werk von 1999, und die aktuelle Verfügbarkeit hängt teilweise stark vom Gebrauchtmarkt ab. Das ist nützliche Kaufinformation, ohne dass daraus künstliche Verknappungssprache gemacht werden muss.
AbeBooks ist besonders passend, weil der Titel alt genug ist, dass Zustand und Ausgabe eine Rolle spielen, gleichzeitig aber nicht so selten, dass Leser automatisch überhöhte Sammlerpreise akzeptieren sollten. RetroForge kann schlicht darauf hinweisen, Amazon Marketplace und AbeBooks zu vergleichen. Die redaktionelle Seite sollte das Buch wegen seines Inhalts begehrenswert machen, nicht weil um gebrauchte Exemplare herum ein erfundener Countdown aufgebaut wird.
Die Reproduktionen im Inneren bleiben ein Designarchiv und keine kostenlose Galerie
Das Buch reproduziert einhundert urheberrechtlich geschützte Albumcover. Diese Bilder sind zentral für das Erlebnis und genau deshalb besitzt das physische Buch einen eigenen Wert. Ihre Präsenz setzt zugleich eine klare Umsetzungsgrenze. RetroForge kann ein autorisiertes Produktcover über einen Verlag oder eine Affiliate-Quelle im Rahmen der jeweils geltenden Bedingungen verwenden, und Albumgrafiken können an anderer Stelle auf der Website erscheinen, wenn dafür eine eigenständige rechtliche Grundlage besteht. Das Buch selbst schafft diese Grundlage nicht.
Die hundert Cover zu scannen oder herauszulösen und daraus eine RetroForge-Galerie zu bauen, würde den visuellen Inhalt des Buches ohne Erlaubnis im Web nachbilden. Die Reading Room sollte Leser zu Designarchiven hinführen, sie nicht kannibalisieren. In diesem Fall weisen die urheberrechtliche Grenze und der redaktionelle Wert des Produkts in dieselbe Richtung.
Besondere Stärken
Die Kuratierung ist die offensichtliche Stärke, doch die Produktionsgeschichten verhindern, dass die Rangliste zu leerer Unterhaltung wird. Thorgerson und Powell bringen praktische Designerfahrung in die Auswahl ein, die Bandbreite reicht über verschiedene Stile hinweg und bleibt kein Hipgnosis-Selbstporträt, und das kompakte Format macht das Buch zugänglich. Es erzeugt außerdem Widerspruch, was in einer Reading Room ein Vorteil ist. Ein Buch über visuellen Kanon sollte Leser dazu bringen, Entscheidungen zu verteidigen, abzulehnen und zu ersetzen.
Für RetroForge liegt es ideal zwischen dem sehr breit angelegten The Art of the LP und den fokussierten Büchern über Hipgnosis, Barney Bubbles und Roger Dean. Es fordert zum vergleichenden Sehen auf, ohne zunächst eine vollständige Ausbildung in visueller Musikgeschichte vorauszusetzen.
Einschränkungen
Der Titel übertreibt zwangsläufig den Anspruch auf Objektivität. Die Auswahl spiegelt den Geschmack der Zusammensteller und den historischen Blickwinkel von 1999, während hundert Cover gewaltige Mengen wichtiger Arbeit auslassen. Der eigene berufliche Hintergrund beeinflusst den Kanon auch dort, wo bewusst weit über Hipgnosis hinausgegriffen wird, und der Umfang von 160 Seiten begrenzt die Tiefe pro Hülle.
Keine dieser Einschränkungen sollte versteckt werden, denn genau so ist das Buch sinnvoll zu verstehen. Eine subjektive Liste zweier erfahrener Designer ist interessant. Eine angeblich wissenschaftliche Liste der objektiv hundert besten Albumcover wäre Unsinn.
Für wen ist das Buch geeignet?
Album-Art-Fans, die gern widersprechen, Designstudierende, Plattensammler und Leser, die ein kompaktes Buch mit mehr Erklärung als eine reine Bildanthologie suchen, dürften es besonders zugänglich finden. Es ist außerdem eine gute Brücke zu den größeren visuellen Büchern der Reading Room. Wenn die Debatte selbst süchtig macht, ist The Art of the LP der nächste Schritt für panoramische Breite, während die Monografien zu Hipgnosis und Barney Bubbles spezialisiertere Tiefe liefern.
Hinweis zur Ausgabe
1999. 160 Seiten. Die britische Dorling-Kindersley-Ausgabe verwendet ISBN 9780751307061, die US-Ausgabe von DK ISBN 9780789449511. In der vorliegenden Recherche tauchte keine spätere wesentliche überarbeitete Ausgabe auf.
Exemplar finden
Titel für den Gebrauchtmarkt. Amazon Marketplace und AbeBooks vergleichen, statt davon auszugehen, dass ein neues Exemplar regulär im Handel erhältlich ist.
