Die Platte
Auf einen Blick
- Künstler
- Ash Ra Tempel
- Album
- Viertes Studioalbum
- Originalwerke
- Zwei
- Seite eins
- Freak 'N' Roll
- Seite zwei
- Jenseits
- Zurückgekehrtes Mitglied
- Klaus Schulze
Warum dieses Album wichtig ist
Das Gründungstrio trifft sich wieder, ohne das Debüt zu wiederholen
Join Inn stellt nach Klaus Schulzes Ausstieg und dem Beginn seiner Solokarriere exakt den instrumentalen Kern des Debüts von 1971 wieder her. Die Reunion ist keine nostalgische Rekonstruktion: Schulze kehrt neben Schlagzeug auch mit Keyboards und Elektronik zurück und verändert das innere Gleichgewicht des Trios. Freak ’N’ Roll widmet eine ganze Seite anhaltendem Ensembleschub; Hartmut Enkes Bass und Schulzes Schlagzeug formen den Weg für Manuel Göttschings Gitarre. Jenseits ersetzt diesen körperlichen Schwung durch Orgel, Synthesizer, Elektronik, Stimme und langsam entfaltete Instrumentalfarbe.
Die beiden Werke entstanden im Umfeld der Tarot-Sessions von Walter Wegmüller im Studio Dierks. Das verbindet Join Inn mit dem größeren Netzwerk der Kosmischen Kuriere, ohne es zu einer Compilation zu machen. Rosi Müllers Stimme auf Seite zwei erweitert das Trio, bleibt aber ein genau begrenzter Beitrag. Historisch ist das Album wichtig als letzte Ash-Ra-Tempel-Studioplatte der 1970er Jahre mit Enke und Schulze. Seine Leistung ist Konzentration: Zwei große Aufführungen untersuchen, was gemeinsames Einsteigen in Bewegung und beinahe Stillstand bedeuten kann.
Dezember 1972
Aus Tarot wächst eine spontane Session
Ash Ra Tempel begann mit Göttsching, Enke und Schulze; nach dem Debüt und der Tourphase von 1971 verließ Schulze die Band. Göttsching und Enke machten mit Schwingungen weiter und arbeiteten anschließend mit Timothy Leary und größerer Besetzung an Seven Up. 1972 wirkten die Musiker in Dieter Dierks’ Studio in Stommeln an Sessions für Walter Wegmüllers Tarot mit. Eine autorisierte Darstellung von MG.Art beschreibt, wie Göttsching, Enke, Rosi und Schulze nach einer dieser Sessions bis tief in die Nacht spielten.
Die daraus entstandene Musik wurde zu Join Inn, im Dezember 1972 aufgenommen und im folgenden Jahr von Ohr veröffentlicht. Dieter Dierks war Toningenieur, Rolf-Ulrich Kaiser wird als Produzent genannt. Das wiedervereinte Trio spielte im Februar 1973 außerdem Konzerte in Paris und Köln. Nach dieser kurzen Rückkehr fehlten sowohl Enke als auch Schulze auf dem nächsten Studioalbum. Starring Rosi konzentrierte sich auf Göttsching und Müller mit anderen Begleitmusikern.
Wiedervereintes Trio
Gitarre, Bass und ein nun elektronikerfahrener Schlagzeuger
Göttschings Gitarre bleibt die hervorgehobenste melodische Stimme, doch ihre Richtung wird ständig mit der Rhythmusgruppe ausgehandelt. Sein Synthesizercredit erweitert die elektronische Palette und verhindert, dass jeder gehaltene Ton automatisch Schulze zugeschrieben wird. Enke verankert Freak ’N’ Roll mit Bassmustern, die sich wiederholen, verzerren oder ihre Betonung verschieben können, während sich die Oberfläche darüber verändert. Ein dokumentierter Gitarrencredit zeigt außerdem, dass Enkes Studiorolle nicht auf tieffrequente Unterstützung beschränkt war.
Schulze spielt auf Seite eins kraftvoll Schlagzeug und bringt für die leisere Konstruktion von Jenseits Keyboards und Elektronik ein. Rosi erscheint nur auf Seite zwei, doch ihre Stimme ist eine hörbare strukturelle Farbe und schließt die Beschreibung der ganzen LP als instrumental aus. Dierks fängt ein breites dynamisches Feld ein: Rhythmische Dichte bleibt lesbar, die leise elektronische Seite behält Tiefe. Kaiser gehört zur Produktionsgeschichte und nicht zur aufführenden Besetzung.
Antrieb und Schwebe
Vorwärtsbewegung weicht einem elektronischen Jenseits
Freak ’N’ Roll beginnt über wiederholten rhythmischen Kontakt statt durch eine geschriebene Strophe oder ein sofort verkündetes Thema. Schulzes Schlagzeug passt Gewicht und Attacke ständig an; der Groove kann fortbestehen, ohne mechanisch gleich zu werden. Enkes Bass liefert Zentrum und Reibung, Göttsching wechselt zwischen kurzen Figuren, verlängerten Linien und rauerem Gitarrendruck. Die Aufführung wächst aus Interaktion: Kein Musiker wartet bloß unter einem durchgehenden Solisten.
Jenseits reduziert den Puls und macht Orgel, Synthesizer, Gitarrenresonanz und Elektronik zu den wichtigsten Maßen der vergehenden Zeit. Rosis Stimme tritt als intimer, sprechähnlicher Klang in die Atmosphäre und nicht als konventioneller Hauptgesang. Wo Seite eins Energie durch Wiederkehr sammelt, verändert sich die zweite durch Klangfarbe, Entfernung und allmähliche Überlagerung. Die Vinylteilung ist kompositorisch: Sie erzeugt den nötigen Neustart zwischen körperlichem Antrieb und einem viel weniger geerdeten Klangfeld.
Guide für zwei Seiten
Zwei vollständige Seiten, zwei verschiedene Zustände
Freak 'N' Roll
Die neunzehnminütige erste Seite ist der Maschinenraum des Albums. Schulze beginnt am Schlagzeug statt mit der sequenzergesteuerten Identität mancher Solowerke; Enke gibt der Improvisation ein bewegliches Bassfundament. Göttschings Gitarre antwortet mit kurzen rhythmischen Zellen, gehaltenen Linien und zunehmend erhitzten Attacken. Das Wortspiel im Titel passt zu Musik, die Offenheit der Freak-Szene mit Rock-’n’-Roll-Schub verbindet, doch die Aufführung vermeidet Standard-Songform. Ihre Architektur entsteht aus gemeinsamen Dichteänderungen: Passagen ziehen sich zusammen, Gitarrenphrasen gewinnen Raum, Schlagzeug verlagert den Schwerpunkt und das Trio baut neuen Schwung. Das Ende trägt die angesammelte Kraft einer durchgehenden Seite, statt getrennte benannte Abschnitte aufzulösen.
Jenseits
Jenseits bedeutet beyond, und die zweite Seite behandelt dieses Wort als akustischen Zustand statt als Ziel einer Handlung. Orgel und elektronische Töne setzen einen langsamen Horizont; Gitarre und Bass erscheinen als schwebende Formen statt als Riffinstrumente. Schulzes erweiterte Keyboard-Elektronik-Rolle ist besonders wichtig, obwohl auch Göttsching einen Synthesizercredit besitzt. Rosis leise Stimme verändert den menschlichen Maßstab, ohne das Stück in einen Textsong zu verwandeln. Kleine Wechsel von Register, Hall und Nähe ersetzen das rhythmische Argument der ersten Seite. Mit mehr als vierundzwanzig Minuten ist es keine bloß ruhige Coda, sondern die längere Hälfte, die Geduld, Ausklang und kaum wahrnehmbare Bewegung als vollständige Form hören lässt.
Teilnahme und Jenseits
Mitmachen, überschreiten und kollektiv hören
Der Titel Join Inn deutet Teilnahme an, und der dokumentierte Ursprung des Albums macht die Reunion zu mehr als dekorativer Auslegung. Freak ’N’ Roll untersucht das Mitmachen durch unmittelbare körperliche Koordination dreier Musiker mit gemeinsamer Vergangenheit. Jenseits verlagert die Frage davon, wie Musiker sich zusammen bewegen, zu der Art, wie Klänge ohne dominanten Puls nebeneinander bestehen. Der deutsche Titel der zweiten Seite führt ein Jenseits ein, nennt aber keine Figuren und keine feste Handlung.
Rosis Stimme erzeugt menschliche Gegenwart in diesem abstrakten Raum, statt ihn zu erklären. Die Seitenfolge bewegt sich von sozialer Energie zu innerer Aufmerksamkeit. Das folgt Arrangement und Dynamik der Musik und darf nicht für eine dokumentierte metaphysische Geschichte gehalten werden. Zusammen geben die Titel der Reunion einen Bogen: den Raum betreten, teilnehmen und dann die vertrauten Rollen eines Rocktrios überschreiten.
Ohr OMM 556032
Ein Ohr-Gatefold rahmt die Reunion
Die ursprüngliche Ohr-Ausgabe präsentiert Join Inn als Gatefold-LP mit der Katalognummer OMM 556032. Das Frontbild setzt Titel und Musiker in die visuelle Sprache des experimentellen deutschen Labelkatalogs. Das Gatefold gibt der Platte einen größeren physischen Rahmen, als die Titelliste aus zwei Zeilen vermuten lässt. Eine Komposition pro Seite erlaubt den Labels eine einfache A/B-Architektur.
Spätere CDs müssen die Gatefoldpräsentation verdichten, bewahren aber dieselben zwei Hauptwerke. Manche Neuauflagen variieren Zeichensetzung und Großschreibung von Freak ’N’ Roll, ohne eine andere Komposition zu schaffen. Die CD Join Inn / Starring Rosi von 1998 verbindet zwei Alben; ihre neun Titel dürfen Hülle und Folge des ursprünglichen Join Inn nicht neu definieren. Autorisierte MG.Art-Vinylausgaben führen die Platte in ein seitenbasiertes Format zurück, das ihren Langformen entspricht.
Viertes Album
Das vierte Album beendet eine Version der Gruppe
Ohr veröffentlichte Join Inn 1973 als viertes Album von Ash Ra Tempel. Das deutsche Original heißt OMM 556032 und enthält eine Komposition pro Seite. Freak ’N’ Roll dauert etwas mehr als neunzehn Minuten, Jenseits etwas mehr als vierundzwanzig. Alle drei Gründungsmitglieder teilen die Kompositionscredits für beide Werke.
Das Album folgte in der rasch wechselnden frühen Diskografie auf Schwingungen und Seven Up. Kein kurzer Single- oder alternativer Studiotitel gehörte zum Originalprogramm. Zeitgenössische Chart- oder Verkaufszahlen sind nicht nötig, um seinen Platz in der Folge zu bestimmen. Sein späteres kritisches Leben betonte sowohl Schulzes Rückkehr als auch den Gegensatz zwischen treibender und schwebender Seite.
Chemie der Gründer
Eine konzentrierte Rückkehr zur Gründungschemie von Ash Ra Tempel
Join Inn wird häufig als Begleiter des selbstbetitelten Debüts gehört, weil auf beiden Platten das Gründungstrio spielt. Der Vergleich hat Grenzen: Das spätere Album entstand aus einem anderen Studionetz und gibt Schulze eine breitere Keyboard-Elektronik-Rolle. Freak ’N’ Roll bewahrt Enkes Fähigkeit, eine ausgedehnte Improvisation aus dem Inneren der Rhythmusgruppe zusammenzuhalten. Jenseits wurde zu einem wichtigen Beispiel für Göttschings Gespür für Raum, Zurückhaltung und langsam wechselnde Gitarrenfarbe.
Das Album markiert die letzte Studiokreuzung der 1970er Jahre von Göttsching, Enke und Schulze unter dem Namen Ash Ra Tempel. Starring Rosi zeigte unmittelbar, dass der Name mit kleinerem kreativem Zentrum und kompakteren Formen weitergehen konnte. Spätere Ashra- und Soloarbeit darf nicht rückwärts projiziert werden, als sei Join Inn bereits eine reine Göttsching-Konstruktion. Seine dauerhafte Identität beruht auf wirklicher Reunionchemie, eingefangen in zwei gegensätzlichen, aber gleich vollständigen Aufführungen.
Die ursprünglichen zwei
Beide Seiten vollständig und das Nachbaralbum getrennt halten
Das kanonische Join-Inn-Programm enthält genau zwei Kompositionen. Freak ’N’ Roll ist die vollständige erste Seite und darf nicht in erfundene Abschnitte geteilt werden. Jenseits ist die vollständige zweite Seite und enthält Rosis Gesangsbeitrag. Kleine Laufzeitunterschiede zwischen Datenbanken beruhen auf Indexierung oder Mastering.
Die ursprüngliche Katalognummer wird meist als OMM 556032 oder OMM 556.032 geschrieben. Spätere MG.Art-Ausgaben bewahren die Zweiseitenarchitektur. Die gekoppelte CD von 1998 fährt nach dem Ende von Join Inn mit den sieben Titeln von Starring Rosi fort. Eine geeignete Ausgabe lässt beide langen Aufführungen ungekürzt und kennzeichnet die Albumgrenze klar.
Ein Hörweg
Durch Rhythmus eintreten, durch Raum hinausgehen
- Bei Freak ’N’ Roll mit Schlagzeug und Bass beginnen, bevor die Gitarre verfolgt wird.
- Beachten, wie wiederkehrende Figuren sich verändern, weil sich das Ensemble um sie verändert.
- Genug Lautstärkespielraum für den angesammelten Druck der ersten Seite lassen.
- Am ursprünglichen Vinylwechsel eine Pause einlegen.
- Auf Jenseits Keyboardschichten von gehaltenen Gitarrentönen unterscheiden, ohne jeden Klang vorschnell nur einem Musiker zuzuschreiben.
- Rosis Stimme als Teil der räumlichen Gestaltung hören.
- Erst nach dem vollständigen Ausklang der zweiten Seite zum Anfang zurückkehren; der Kontrast ist das zentrale Albumerlebnis.
Recherche und Quellen
Quellen und weiterführende Lektüre
- Titelliste, Credits und Albumuntersuchung zu Join Inn — AllMusic
- Autorisierte Geschichte zum fünfzigjährigen Jubiläum und Originalprogramm — MG.Art-Veröffentlichungseintrag
- Katalogeintrag der ursprünglichen Ohr-Ausgabe — MusicBrainz
- Albumchronologie von Ash Ra Tempel — MusicBrainz
- Historische Studie zu Ash Ra Tempel — University of Turku