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Classic Album Guide

The Faust Concerts Vol. I

Faust · 1994 · Krautrock / Avant-Garde

The Faust Concerts Vol. I erschien 1994 bei Table of the Elements und dokumentiert Fausts Rückkehr 1990 im Hamburger Prinzenbar: neun Livestücke von Jean-Hervé Péron und Werner Diermaier zwischen elektronischer Überlastung, akustischem Raum, Kettensägen und Elektrowerkzeugen.

Aufgenommen 1990Veröffentlicht 1994Table of the Elements Fe 26
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Die Platte

Auf einen Blick

Künstler
Faust
Aufgenommen
Prinzenbar, Hamburg, 1990
Erschienen
1994
Originaltitel
Neun
Label
Table of the Elements Fe 26
Mitwirkende
Jean-Hervé Péron und Werner Diermaier

Warum sie wichtig ist

Faust kehrt zurück und baut Aufführung vom Boden neu auf

The Faust Concerts Vol. I dokumentiert die Rückkehr auf die Bühne nach etwa fünfzehn Jahren, ohne das Ereignis als makellose Wiederauferstehung des Katalogs der 1970er zu inszenieren. Jean-Hervé Péron und Werner Diermaier reduzieren Faust auf einen Zweierkern, der Bassdruck, Schlagzeug, Stimme, Elektronik, akustische Unterbrechungen und industrielle Aktionen erzeugen kann. Unter den neun Stücken ist Rainy Day die erkennbare Verbindung zu So Far, doch neues oder stark verwandeltes Livematerial bestimmt das Programm. Kettensägen und Elektrowerkzeuge sind keine dekorative Bühnenlegende; das veröffentlichende Label nennt sie ausdrücklich als Teil des Klangspektrums dieses Konzerts.

Die leisen Passagen sind ebenso wichtig, weil sie den nächsten mechanischen oder verstärkten Einsatz proportional größer wirken lassen. Die Aufnahme entstand 1990 im Hamburger Prinzenbar und erschien vier Jahre später; damit dokumentiert sie die Reunion, bevor das Studioalbum Rien die Hörer erreichte. Die konkreten Aufführungscredits verhindern, dass die umfassendere Geschichte der Reunion-Aktivitäten von Irmler, Péron und Diermaier unbedacht zur Besetzung dieser Platte gemacht wird. Das Album ist ein Akt der Neudefinition: Faust beginnt erneut, indem die Gruppe ihre ursprüngliche Offenheit auf die Möglichkeiten und Grenzen einer anderen Liveeinheit anwendet.

Hamburg 1990

Das erste Konzert nach fünfzehn Jahren

Fausts erste durchgehende Schaffensphase endete Mitte der 1970er, nachdem Virgin eine geplante Fortsetzung von Faust IV nicht weiterverfolgte. Archivveröffentlichungen hielten den Namen präsent, doch regelmäßige Gruppenaktivität blieb in den folgenden Jahren selten. Laut Table of the Elements war der Hamburger Auftritt von 1990 das erste Faust-Konzert seit ungefähr fünfzehn Jahren. Es fand im Prinzenbar statt und konzentrierte sich auf Jean-Hervé Péron und Werner Diermaier.

Die Aufnahme entstand vor dem Londoner Marquee-Auftritt von 1992, der später als The Faust Concerts Vol. II erschien. Table of the Elements veröffentlichte beide Bände 1994 als getrennte, ortsgebundene Dokumente. Das amerikanische Label half außerdem, Faust in die Vereinigten Staaten zu bringen, und unterstützte die Aufnahmen, aus denen Rien entstand. Volume I gehört daher an den Anfang der Reunion-Ära, nicht ins ursprüngliche Wümme-Archiv und nicht zu einer Studiosession von 1994.

Péron und Diermaier

Péron und Diermaier als vollständiger Livemechanismus

Jean-Hervé PéronAufführung, Bass, Stimme und Kompositionscredit
Werner “Zappi” DiermaierAufführung, Schlagzeug, Perkussion und Kompositionscredit
FaustKollektiver Credit bei Rainy Day
Jon MalicCD-Gestaltung und Leitung
Bruce LicherBuchdruck
Table of the ElementsVeröffentlichung von 1994 und Präsentation der Künstlerausgabe

Pérons Bass kann Riff, Drone oder körperliches Fundament sein und lässt das Duo größer klingen, ohne die fünfköpfige Besetzung von Faust IV nachzuahmen. Seine Stimme liefert Sprache, Schrei und theatrale Präsenz statt einer festen Singer-Songwriter-Rolle. Diermaier behandelt das Schlagzeug als Teil einer größeren Perkussionsumgebung, zu der Metall und angetriebene Gegenstände gehören. In der offenen Duoform sind Timing und Reaktion leichter zu hören als in den dichten frühen Studiocollagen.

Elektronik kann eine Geste fortsetzen, nachdem die Spieler aufgehört haben, und verwischt so die scheinbare Grenze zwischen Instrument und Raum. Rainy Day bewahrt Fausts kollektive Autorenidentität; bei den übrigen Stücken stehen Péron und Diermaier in wechselnden Kombinationen im Zentrum der Credits. Malic und Licher machen aus der CD ein bewusst gestaltetes Objekt statt einer beliebigen Archiv-Jewelcase. Ohne veröffentlichungsspezifischen Beleg wird hier kein weiteres Originalmitglied als Mitwirkender genannt.

Liveextreme

Bass, Schlagzeug, Werkzeuge und plötzliche akustische Luft

Die Aufnahme wechselt zwischen verstärkter Dichte und akustischer Offenheit, ohne dass ein Studioschnitt die Differenz glättet. Bass und Schlagzeug etablieren wiederholte Zellen, die verlängert, unterbrochen oder unter mechanischem Klang begraben werden können. Elektrowerkzeuge erzeugen kontinuierliche Energie mit einem anderen Anschlagsprofil als musikalisches Feedback; ihre Tonhöhe ist Folge, nicht gestimmte Melodie. Die Stimme wirkt oft wie Befehl oder Ereignis, bindet die Aufmerksamkeit des Raums und lässt die Instrumente danach neu ordnen.

The Sad Head und Rainy Day lassen frühere Faust-Songs anklingen, ohne zu getreuen Katalogreproduktionen zu werden. Kurze Stücke wie 13/8 und Voltaire verhindern, dass die längeren Improvisationen einen einzigen Maßstab für das ganze Konzert festlegen. Publikum und Spielstätte bleiben Teil des Klangs, auch wenn Applaus nicht das wichtigste Ordnungszeichen ist. Das Drama entsteht durch wechselnde Methoden, Materie zum Schwingen zu bringen: Saite, Fell, Luft, Elektrizität und Maschine teilen sich die Bühne.

Titelguide

Neun Hamburger Stücke vom Ticket bis Rien

01

As-tu ton ticket?

Die Eingangsfrage – hast du dein Ticket? – stellt Zutritt und Erlaubnis an den Anfang der Reunion. Bass, Perkussion, Stimme und elektronische Kraft schaffen eine Aufführung, die sich nicht wie eine geordnete Retrospektive verhalten wird. In neun Minuten baut das Duo seine Arbeitsumgebung öffentlich auf. Wiederholung gewinnt an Dichte, und nichtinstrumentale Attacken widerlegen die Annahme, die Werkzeuge des Konzerts seien bloße Theaterrequisiten.

02

Legendäre Gleichgültigkeit

Legendäre Gleichgültigkeit ist kompakt und bewusst widersprüchlich: Ein aufgeladenes Liveereignis trägt einen Titel der Distanz. Rhythmische Figuren und Stimme erzeugen Konzentration statt Apathie. Das Stück wirkt wie eine verdichtete Antwort auf den Auftakt und zeigt, wie schnell das Duo einen Zustand etablieren und verlassen kann. Der deutsche Titel bringt Faust nach der französischen Eingangsfrage zudem zu lokaler Sprache und lokalem Ort zurück.

03

The Sad Head

Der Titel erinnert an The Sad Skinhead, reproduziert das Stück aber nicht einfach. Innerhalb der Livemaschinerie entsteht eine kleinere songartige Form mit Stimme und klarerem emotionalem Umriss. Der veränderte Name ist wichtig, denn das Stück wird nicht als originalgetreue Aufführung des Faust-IV-Titels angekündigt. Seine Position gibt dem Album ein fragiles menschliches Zentrum, bevor Haarscharf die physische Oberfläche wieder schärft.

04

Haarscharf

Das deutsche Wort bezeichnet äußerste Präzision oder ein knappes Entkommen. Perkussive und elektronische Attacken machen Kanten hörbar; die vierminütige Dauer bündelt die Reaktionen. Statt Präzision zum Polieren des Klangs zu verwenden, lässt das Duo exakte Einsätze die Gefahr steigern. Der Titel zeigt, dass Fausts Liveunordnung von diszipliniertem Timing abhängen kann, selbst wenn lärmende Werkzeuge und instabiles Feedback zu den Quellen gehören.

05

Schempel Buddha

Das längere Zentrum des Konzerts balanciert rituelle Wiederholung, absurden Titel und Wechsel zwischen verstärkter Masse und offenerem Raum. Bass und Perkussion können eine Prozession andeuten, während Stimme und Elektronik feierlichen Ernst verweigern. Der Titel belegt kein dokumentiertes religiöses Konzept. Seine Funktion ist typisch faustisch: Unvereinbare kulturelle Signale schaffen einen Rahmen, in dem der Klang ernst bleiben kann, ohne ehrfürchtig zu werden.

06

13/8

Ein kurzer numerischer Titel lenkt die Aufmerksamkeit auf Metrum und Unterteilung, auch wenn nicht jede Geste als Zählübung verstanden werden muss. Das kompakte Stück bildet ein technisches Gelenk zwischen der zentralen Improvisation und der Rückkehr von Rainy Day. Perkussive Akzente legen die Koordination des Duos frei. Sein kleiner Maßstab verhindert, dass das Konzert jede Idee zu einem langen industriellen Crescendo ausdehnt.

07

Rainy Day

Die deutlichste Verbindung zum frühen Katalog kehrt mit der Flexibilität einer Zweier-Livebesetzung zurück. Die grundlegende Wiederholungsidentität von It’s a Rainy Day, Sunshine Girl bleibt erkennbar, doch Dauer, Instrumentierung und Raumreaktion gehören zu 1990. Das Stück vermeidet museale Genauigkeit: Erinnerung liefert einen Rahmen, den Bass, Schlagzeug und Stimme in der Gegenwart dehnen können.

08

Voltaire

Nach der längsten erkennbaren Katalogverbindung folgt ein kurzes benanntes Porträt. Die Musik bietet keine biografische Zusammenfassung des Philosophen. Stattdessen machen Stimme und scharfe Ensemblegesten den Namen zu einer Provokation um Sprache, Vernunft und Störung. Mit weniger als vier Minuten räumt das Stück die Bühne für Rien frei und bewahrt die Konzertgewohnheit, Titel in instabile gedankliche Auslöser zu verwandeln.

09

Rien

Rien beendet das Album als vierminütige Livekonstruktion, nicht als Abwesenheit von Klang. Bass, Perkussion, Elektronik und Raumaktivität geben dem Titel ein praktisches Paradox. Dieses Rien von 1990 entstand vor dem gleichnamigen Reunion-Studioalbum und darf nicht automatisch mit dessen späterem Titelstück-Master gleichgesetzt werden. Der Schluss lässt die Erneuerung vorläufig: Faust kehrt zurück, erzeugt etwas aus dem Nichts und verweigert den großen historischen Vorhang.

Reunion

Rückkehr ohne retrospektiven Komfort

Die Titel des Konzerts kreisen um Zutritt, Gleichgültigkeit, Traurigkeit, Präzision, Ritual, Zahl, Wetter, Philosophie und Nichts. Sie bilden keine Handlung, prüfen aber wiederholt, was eine Reunion bedeuten darf. Ticket macht Zugang ausdrücklich zum Thema, während die Musik den Eintritt nicht mit vertrauten Hits belohnt. Legendäre Gleichgültigkeit verspottet die Erwartung, historische Bedeutung müsse feierliches Selbstbewusstsein erzeugen.

The Sad Head und Rainy Day lassen Erinnerung in veränderter Form auftauchen. 13/8 benennt technische Ordnung in einer Aufführung, die öffentlich mit Chaos verbunden wird. Voltaire stellt Geistesgeschichte neben industrielle Aktion, ohne eine Vorlesung zu halten. Rien endet mit einem Wort der Abwesenheit, das voller körperlicher Tätigkeit ist – eine passende Aussage für eine Gruppe, die nach scheinbarem Verschwinden zurückkehrt.

Fe 26

Eisen, Laserätzung und ein limitiertes Künstlerobjekt

Table of the Elements gab der Veröffentlichung die Elementidentität Eisen und die Katalognummer Fe 26. Die CD verwendete Laserätzung, ausgestanztes Material und maßgefertigte Buchdruckhüllen. Jon Malic leitete das Design, Bruce Licher übernahm den Druck. Eine besondere Künstlerausgabe war nummeriert und betonte die Veröffentlichung als handwerkliches Objekt statt als massenproduziertes Live-Souvenir.

Eisen passt zu Kettensägen, Elektrowerkzeugen und angeschlagenem Material, ohne die Musik auf Industriespektakel zu reduzieren. Das zurückhaltende Ausgabendesign kontrastiert mit der körperlichen Unordnung der Aufführung. Volume II erhielt eine eigene Elementidentität und dokumentiert London 1992. Die Verpackung unterstreicht daher, dass beide Konzertbände, Spielorte und Jahre getrennt bleiben müssen.

1994

Ein Ereignis von 1990 wird 1994 zur Platte

Table of the Elements veröffentlichte The Faust Concerts Vol. I 1994, vier Jahre nach dem Hamburger Auftritt. Das Label präsentierte ihn als Fausts erstes Konzert seit fünfzehn Jahren. Neun Titel dokumentierten die Reunion, bevor neue Studioarbeit die Gruppe wieder vollständig im Plattenmarkt verankert hatte. Die Veröffentlichung betonte die Extreme von übersteuerter Elektronik und akustischen Passagen bis zu Kettensägen und Elektrowerkzeugen.

Eine limitierte Künstlerausgabe und die aufwendige Verpackung verorteten die CD im experimentellen Katalog von Table of the Elements. Es wird kein Chart- oder Verkaufsergebnis behauptet, weil verlässliche Belege fehlen. Volume II erschien parallel, hielt jedoch den Londoner Marquee Club von 1992 fest. Beide Platten etablierten die Reunion als aktive Aufführungspraxis und bereiteten den Kontext für Rien.

Zweiter Anfang

Das Livegelenk zwischen Verschwinden und Rien

Volume I ist ein Schlüsseldokument von Fausts zweitem Anfang, keine umfassende Liveanthologie. Es zeigt, dass Péron und Diermaier den Namen durch Methode – Risiko, Materialklang und instabile Form – reaktivieren konnten, nicht durch vollständige Besetzung. Die Industrieobjekte knüpfen an das frühe Interesse an ungewöhnlichen Klangquellen an und spiegeln zugleich einen veränderten Aufführungsmaßstab. Rainy Day schafft Kontinuität, doch die neuen Titel verhindern, dass Nostalgie das Set beherrscht.

Spätere Reunion-Besetzungen würden wachsen und sich teilen; dadurch sind veröffentlichungsspezifische Credits im Katalog der 1990er besonders wichtig. Rien verwandelte spätere Auftritte und Aufnahmen mit weiteren Mitwirkenden in eine Studiocollage. Die Konzertplatte bleibt roher und ortsgebundener und bewahrt das Ereignis im Prinzenbar als eigenständiges Werk. Ihr Vermächtnis liegt im Beweis, dass historische Experimentalgruppen zurückkehren können, indem sie veränderte Körper und Umstände akzeptieren, statt ihre Jugend zu simulieren.

Volume I

Hamburg vom Londoner Volume II getrennt halten

Volume INeun Titel, 1990 im Hamburger Prinzenbar aufgenommen und 1994 veröffentlicht.
Volume IIEine separate Veröffentlichung von 1994, die den Londoner Marquee Club 1992 dokumentiert.
Unterscheidung bei RienDas abschließende Livestück von 1990 entstand vor dem späteren Reunion-Studioalbum Rien.

Das Album enthält neun Livetitel. Die Veröffentlichungscredits nennen Péron und Diermaier als Mitwirkende. Das Konzert fand 1990 in Hamburg statt, nicht 1994. Rainy Day ist die direkte Verbindung des Programms zum frühen Katalog.

The Sad Head darf nicht stillschweigend in The Sad Skinhead umbenannt werden. Gesang ist vorhanden; eine Instrumental-Klassifikation ist daher falsch. Volume II gehört zu London 1992 und muss getrennt bleiben. Rien ist hier ein Livetitel von 1990, nicht automatisch der Master des späteren Studioalbums.

Ein Hörweg

Dem Raum folgen, nicht einem Greatest-Hits-Set

  1. Die einleitende Ticketfrage als Schwelle zur Aufführung nutzen.
  2. Verfolgen, wie kurze Titel nach längeren Konstruktionen den Maßstab zurücksetzen.
  3. Auf die entstehende Songform in The Sad Head achten.
  4. Werkzeuge und Elektronik als Klangquellen behandeln, nicht als optische Neuheit.
  5. Die Livewiederholung von Rainy Day mit der Studioaufnahme von 1972 vergleichen.
  6. Voltaire als kompakte Provokation vor dem Finale hören.
  7. Mit Rien enden und den Unterschied zum späteren Album bewahren.

Recherche und Quellen

Quellen und weiterführende Lektüre

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