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Classic Album Guide

Ricochet

Tangerine Dream · 1975 · Krautrock / Berlin School Electronic

Im Dezember 1975 von Virgin veröffentlicht, ist Ricochet Tangerine Dreams erstes Livealbum: zwei lange Instrumentalstücke, montiert aus Konzerten des Trios in Großbritannien und Frankreich, wobei der zweite Teil hauptsächlich auf Fairfield Halls in Croydon zurückgeht.

Veröffentlicht im Dezember 1975Erstes LivealbumVirgin V 2044
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Die Platte

Auf einen Blick

Künstler
Tangerine Dream
Veröffentlicht
Dezember 1975
Album
Erstes Livealbum; siebte Veröffentlichung insgesamt
Originalprogramm
Ricochet Part One und Part Two
Label
Virgin V 2044
Musik
Froese, Franke und Baumann

Warum sie wichtig ist

Ein Livealbum, komponiert in Aufführung und Schnitt

Ricochet beantwortete eine schwierige Frage, die Tangerine Dreams Erfolg aufwarf: Wie konnte eine Gruppe, deren Konzerte von Improvisation lebten, ein Livealbum veröffentlichen, ohne eine ganze Tour auf einen angeblich endgültigen Abend zu reduzieren?

Das Trio und seine Studiopartner behandelten die gesammelten Bänder als Kompositionsmaterial. Auftritte aus Großbritannien und Frankreich wurden ausgewählt, gemischt und zu zwei Albumseiten montiert, statt als unangetastetes chronologisches Konzert präsentiert zu werden.

Dieses Verfahren macht die Platte nicht weniger live. Tempi, Übergänge und wechselhafte Balance bewahren das Gefühl von Musikern, die analoge Systeme in Echtzeit vor Publikum steuern.

Das Album übersetzt die Sequenzersprache von Phaedra und Rubycon in eine dringlichere öffentliche Form. Wiederholte Figuren kommen schneller, perkussive Anschläge beißen härter und Edgar Froeses Gitarre rückt stärker nach vorn.

Part Two erweitert das Vokabular mit einer absteigenden Flügeleröffnung, bevor Mellotron und elektronischer Puls die Musik in einen größeren Bogen ziehen. Als erstes Livealbum und siebte Veröffentlichung dokumentiert Ricochet das Trio zu dem Zeitpunkt, als britische Konzertnachfrage zentral für seine internationale Identität wurde.

Die historische Bedeutung liegt in der produktiven Spannung zwischen Ereignis und Artefakt: Konzerte lieferten Risiko und Interaktion, der Schnitt schuf ein Album mit eigenen Proportionen. Elektronische Livealben konnten damit mehr als technische Reproduktion beweisen; sie konnten neu geformte Werke aus nie identisch wiederkehrenden Aufführungen sein.

Europa 1975

Die Tournee von 1975 gelangt ins Manor

Phaedra hatte 1974 die britischen Top 20 und Rubycon 1975 die Top 10 erreicht. Froese, Franke und Baumann tourten 1975 mit Synthesizern, Sequenzern, Mellotron, Keyboards und Gitarre durch Europa, nicht mit einer konventionellen Rockrhythmusgruppe.

Ihre Konzerte waren keine festgelegten Wiedergaben der Studioalben. Gemeinsame Tonpläne und Gerätefunktionen konnten führen, doch das Trio erzeugte große Musikabschnitte im Raum.

Aufnahmen aus Großbritannien und Frankreich sammelten sich an. In einem damaligen Interview beschrieben die Musiker, wie sie mehr als vierzig Bandsätze durchsahen, bevor sie Seite eins im Manor zusammensetzten.

Die offizielle Tangerine-Dream-Darstellung verbindet Part Two hauptsächlich mit dem Konzert in Fairfield Halls, Croydon, beschreibt das Album insgesamt aber als Mix britischer und französischer Auftritte.

Diese Unterscheidung verhindert die falsche Geschichte eines einzigen Veranstaltungsorts. Ricochet repräsentiert eine Tour und anschließende Auswahl, kein vollständiges Einzelkonzert.

Chris Blake ist als Aufnahmeingenieur, Mick Glossop als Mixer genannt. Ihre Arbeit formte wechselnde Konzertbänder zu einem zusammenhängenden Stereoalbum. Virgin veröffentlichte es im Dezember 1975 als V 2044 zwischen Rubycon und Stratosfear.

Froese–Franke–Baumann

Ein Trio in einem gemeinsamen elektronischen Feld

Edgar FroeseKeyboards, Synthesizer, Mellotron und Gitarre; Komposition
Christopher FrankeKeyboards, Synthesizer und Sequenzer; Komposition
Peter BaumannKeyboards, Synthesizer und Mellotron; Komposition
Chris BlakeAufnahmeingenieur
Mick GlossopMischung
Monique FroeseFotografie

Frankes sequenzierte Figuren bilden häufig das bewegliche Raster, sind aber kein automatisches Begleitband; Akzente, Filter und Harmonie verändern ständig ihr scheinbares Gewicht.

Froeses Gitarre ist besonders in Part One wichtig. Gehaltene Noten und geschärfte Anschläge schneiden durch die elektronischen Wiederholungen, statt sie bloß zu verdoppeln.

Sein Eröffnungsklavier in Part Two schafft eine seltene offene akustische Schwelle, bevor die elektronische Tiefe zurückkehrt. Baumanns Mellotron- und Keyboardfarben verwandeln ein Muster von heller Bewegung in choralen oder orchestralen Schatten. Da alle drei den Autorencredit teilen, sind die langen Bögen als Ensemblestrukturen zu verstehen, auch wenn ein Instrument kurz erkennbar wird.

Blake nahm Konzerte auf, deren Balance je Saal variierte. Glossops Mix und die Auswahl des Trios sind in sauberen Übergängen hörbar, doch die Platte bietet keine taktgenaue Karte aller Quellen. Die richtige Grenze ist präzise und bescheiden: dokumentierte Rollen und die hauptsächlich aus Croydon stammende Basis von Part Two nennen, mikroskopische unbelegte Zuordnungen weglassen.

Konzertarchitektur

Sequenzergeschwindigkeit, Mellotronschatten und Gitarrenblitz

Part One setzt mit einer hellen, schnellen Sequenz ein, deren Zellen Vorwärtsdruck erzeugen, bevor sich die Harmonie setzt. Elektronisch-perkussive Schläge und Basspulse verdichten das Raster; Mellotronfarbe verändert die Raumgröße. Froeses Gitarre erscheint als instabile Hauptstimme, schwebt über dem Muster oder drückt gegen seine Akzente.

Die Seite folgt keiner Strophe oder Themenvariation. Sie verändert sich durch Schichtwechsel, Dichteanpassung und indem ein Puls einen Weg zum nächsten öffnet.

Part Two beginnt am anderen Ende: Absteigende Klavierphrasen schaffen Schwerkraft, Stille und körperlichen Tastenanschlag. Mellotronflöte erweitert den akustischen Raum; ein Sequenzer beschleunigt und macht Reflexion zu Antrieb. Später wechseln kompakte Rhythmusmechanik und lange schwebende Akkorde, sodass Schwung von einer Atmosphärenwand zurückzuprallen scheint. Für geschnittenes Konzertmaterial ist das Album erstaunlich klar; kleine Schwankungen verhindern jedoch die polierte Starre einer vollständig overdubbten Studiokonstruktion.

Titel für Titel

Zwei Seiten, zwei Wege durch Bewegung

01

Ricochet Part One

Seite eins beginnt in Bewegung: Ein schnelles elektronisches Muster schafft eine scheinbar asymmetrische Oberfläche, obwohl der Puls regelmäßig bleibt. Tiefe Sequenzen und kurze Anschläge sammeln Masse. Gitarre biegt und hält eine menschlichere Linie über dem Raster; Mellotronfarben formen den Hintergrund um. Statt Sätze anzukündigen, überschreitet das Stück Dichteschwellen – Rausch, Schwebe, neue Beschleunigung und Freigabe. Die Montage erklärt die entschiedenen Übergänge, doch die Energie stammt aus Konzertinteraktion. Am Ende wird der Abstand zwischen Rhythmus und Textur kleiner, bis Puls zu Atmosphäre wird.

02

Ricochet Part Two

Eine absteigende Flügelfigur öffnet einen völlig anderen Raum. Noten dürfen ausklingen; der offene akustische Klang lässt Mellotron und Elektronik wie einen Umgebungswechsel wirken. Die offizielle Geschichte verbindet den größten Teil mit Fairfield Halls in Croydon. Später schafft ein Sequenzer festere Bewegung, ergänzt durch geschichtete Keyboards und perkussive Klänge. Das Stück wechselt zwischen beleuchteter Bewegung und dunkler Schwebe. Seine Erzählung ist musikalisch: einsame Berührung wird kollektiver Mechanismus, der Mechanismus wächst, und die Musik zieht sich ohne inszeniertes Konzertfinale zurück.

Bewegung ohne Handlung

Aufprall, Rückprall und das Drama wechselnder Zustände

Ricochet ist kein Erzählalbum; die gemeinsamen Titel nennen keine Figuren, Orte oder Chronologie. Das Wort Ricochet passt dennoch zu Musik aus Wiederholung, Antwort und Umleitung. Eine Sequenz sendet einen Impuls; Gitarre, Mellotron oder ein anderes Muster gibt ihn verändert zurück; der Schnitt stellt Antworten gegeneinander. Part One betont Aufprall und Geschwindigkeit und lenkt seine Vorwärtsbewegung immer wieder um.

Part Two macht Reflexion durch Klavierresonanz wörtlicher, bevor Elektronik darum Bewegung sammelt. Die namenlosen Teile lenken auf Zustände statt Programmszenen. Die Konzertquellen fügen eine Ebene hinzu: Klänge aus verschiedenen Räumen kehren auf Band zurück, werden im Manor umgeleitet und erreichen uns als ein Objekt. Das sind Deutungen der veröffentlichten Musik, keine Beweise für eine feste Bandhandlung.

Virgin V 2044

Eine silberne Kurve über dunklem Wasser

Das ursprüngliche Virgin-Cover verzichtet auf Bühne, Publikum und Synthesizerwand. Dunkles Feld und schwebende Metallkurve deuten Tropfen, Projektil oder reflektierten Bogen an, ohne eine Lesart festzulegen. Eine kleine Störung darunter macht Kontakt und Rückprall zurückhaltend sichtbar. Das passt zu einem Album mit Konzertenergie, das Applaus und Stardarbietung aus seiner Hauptidentität entfernt.

Monique Froese ist in den Originalangaben für Fotografie genannt. RICOCHET und TANGERINE DREAM stehen mit viel Leerraum, sodass das Bild Atmosphäre statt Diagramm wird. Die zwei LP-Seiten geben beiden Teilen gleichen visuellen Status, obwohl Wege und Quellenbalance abweichen. Spätere Archive nennen Orte und Kontext; die Abstraktion der Hülle von 1975 bewahrt die Weigerung, ein konventionelles Live-Souvenir zu sein.

Dezember 1975

Das Konzertalbum erreicht die britischen Charts

Virgin veröffentlichte Ricochet im Dezember 1975 als V 2044. Die britische Chartnotierung begann am 20. Dezember, erreichte Platz 40 und umfasste vier Wochen in den Top 100. Das lag unter den beiden Studio-Vorgängern, brachte aber eine kompromisslose Konzertkonstruktion mit zwei Titeln in die nationalen Charts. Der Name Ricochet wurde den geschnittenen Albumstücken gegeben und stammte nicht von einer bereits bekannten Studiokomposition.

Das Fehlen von Applaus, Ansagen und bekannten Reprisen stellte Erwartungen an ein Livealbum infrage. Nach Phaedra und Rubycon zeigte die Platte, wie die Sequenzermethoden auf der Bühne schneller, rauer und flexibler wurden. Sie schloss ein Tour- und Aufnahmejahr ab, indem gesammelte Bänder zu einer knappen neuen Aussage wurden. Stratosfear behielt Sequenzen, führte aber kürzere Stücke und auffälligere akustische Farben ein.

Livekonstruktion

Live-Elektronik jenseits getreuer Wiedergabe

Ricochet bleibt ein zentrales Dokument der Besetzung Froese–Franke–Baumann. Es zeigt eine Konzertpraxis, die neue lange Formen erzeugt, statt den Studiokatalog fest zu reproduzieren. Das Album nimmt spätere Live-Elektronik-Schnitte vorweg, bei denen Auswahl und Montage kreative Phasen sind. Der Klavieranfang von Part Two wurde zu einem der bekanntesten akustisch-elektronischen Kontraste des Trios.

Das schnellere Rhythmusprofil weist zu den schärferen Themen und gemischten Instrumenten von Stratosfear. Archivkonzerte erlauben den Vergleich der offenen Tourgröße mit Ricochets konzentriertem Design. Sie ersetzen das Original nicht: Dessen Identität liegt in zwei absichtlichen seitenlangen Bögen, nicht in Vollständigkeit. Die Leistung besteht darin, Unsicherheit in einer stark geformten Platte zu bewahren – Liveentscheidungen bleiben hörbar, nachdem das Band einer neuen Komposition dient.

Originalprogramm

Die zweiteilige Konstruktion von 1975 intakt halten

Ursprüngliche LP von 1975Virgin V 2044: Ricochet Part One auf Seite eins und Part Two auf Seite zwei.
AufführungsursprungBritische und französische Konzertbänder von 1975 wurden ausgewählt und montiert; Part Two ist hauptsächlich mit Croydon verbunden.
Spätere ArchiveErweiterte Touraufnahmen und moderne Remixe liefern Kontext, sind aber keine zusätzlichen Sätze des Originalalbums.

Das kanonische Programm enthält zwei Stücke, eines je LP-Seite. Part One dauert ungefähr siebzehn, Part Two etwa einundzwanzig Minuten. Das Album ist live und geschnitten, weder unangetastetes Einzelkonzert noch neu overdubbtes Studioset. Part Two stammt hauptsächlich aus Fairfield Halls, Croydon; insgesamt nutzt die Platte weitere britische und französische Aufnahmen.

Klavier eröffnet Part Two, bevor Mellotron und sequenzierte Elektronik den Raum erweitern. Die Originalplatte hat keinen Gesang; ihre Instrumental-Klassifikation ist korrekt. Moderne Steven-Wilson-Remixe und vollständige Konzerte gehören zu späteren Archiven. Den Seitenwechsel bewahren: Er stellt eine schnelle erste Konstruktion gegen einen langsameren akustischen Eingang.

Ein Hörweg

Die Schnitte als Teil der Aufführung hören

  1. Mit der schnellen Sequenz von Part One beginnen und beachten, wie neue Basstöne den scheinbaren Akzent verändern.
  2. Die Gitarre als Druck gegen das Raster verfolgen, nicht nur als Solo.
  3. Auf geschnitten wirkende Übergänge achten, ohne jeden einem unbelegten Ort zuzuweisen.
  4. Beim Seitenwechsel den Nachklang des Flügels den Maßstab zurücksetzen lassen.
  5. Beachten, wie Mellotronfarbe akustische Resonanz mit dem späteren Sequenzer verbindet.
  6. Dem Wechsel von Part Two zwischen Antrieb und schwebendem Akkordraum folgen.
  7. Später ein Archivkonzert von 1975 vergleichen und Ricochets bewusste Albumkonstruktion getrennt halten.

Recherche und Quellen

Quellen und weiterführende Lektüre

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