Überblick
Tangerine Dream machten Synthesizer und Sequencer zu Werkzeugen für groß angelegte Kompositionen. Die 1967 von Edgar Froese in West-Berlin gegründete Gruppe entwickelte sich vom frei improvisierten Psychedelic Rock zu jener elektronischen Sprache, die später Berliner Schule hieß: wiederkehrende Muster, langsam wechselnde Klangfarben und Improvisationen im Maßstab ganzer LP-Seiten statt einzelner Popsongs. Die Virgin-Jahre 1974 bis 1977 brachten diese Methode einem internationalen Publikum nahe; der Katalog reicht jedoch von rauen frühen Experimenten über Filmmusik und digitale Studioarbeit bis zu den Echtzeitkompositionen der heutigen Band.
Gründung & Geschichte
Froese gründete Tangerine Dream 1967; im Januar 1968 gab die Band ihr erstes Konzert an der Technischen Universität Berlin. Die frühen Besetzungen wechselten schnell. Electronic Meditation dokumentierte das Trio von 1969/70 aus Froese, Klaus Schulze und Conrad Schnitzler. Christopher Franke kam 1970 hinzu, und auf Alpha Centauri spielten Froese und Franke mit Steve Schroyder. Peter Baumann vervollständigte anschließend das bekannteste Trio der 1970er.
John Peels Unterstützung für Atem half der Besetzung Froese–Franke–Baumann, 1973 einen Vertrag mit Virgin Records zu erhalten. Das im November jenes Jahres im Manor aufgenommene Phaedra rückte den Moog-Sequencer ins Zentrum, ohne Flöte, Mellotron oder Froeses Gitarre auszuschließen. Es erreichte Platz 15 in Großbritannien; Rubycon stieg im folgenden Jahr bis auf Platz zehn. Baumann ging 1977 und Franke 1987, während Froese bis zu seinem Tod 2015 das einzige konstante Mitglied blieb.
Klang & Stil
Der klassische Klang der 1970er beruht auf analogen Sequencern: wiederkehrende Spannungsmuster steuern Tonhöhe und Puls, während die Musiker Klangfarbe, Lage und Dichte in Echtzeit verändern. Franke lieferte oft die rhythmische Architektur; Froese ergänzte Mellotron, Synthesizer, Orgel und Gitarre; Baumann spielte Keyboards, Elektronik und Flöte. Auf Phaedra werden instabile Stimmung und weißes Rauschen Teil der Komposition, während Rubycon die Methode über zwei durchgehende LP-Seiten ausdehnt.
Die Klangpalette war nie rein synthetisch. Ein Klavier eröffnet die zweite Hälfte von Ricochet; auf Stratosfear kommen Akustikgitarre, Mundharmonika und Cembalo hinzu; spätere Besetzungen nutzten Schlagzeug, Saxofon und digitale Samples. Die Fähigkeit, trotz wechselnder Instrumente und Mitglieder ein wiedererkennbares Bewegungsgefühl zu bewahren, beschreibt die Band besser als die Vorstellung von „Berliner Schule“ als festem Rezept.
Essenzielle Alben
Phaedra
1974Das im November 1973 im Manor aufgenommene erste Virgin-Album macht einen störanfälligen Moog-Sequencer zum schwankenden Puls des 17-minütigen Titelstücks. „Mysterious Semblance at the Strand of Nightmares“ wird von Froeses Mellotron und Elektronik geprägt, „Movements of a Visionary“ verwandelt Wiederholung in ein wechselndes rhythmisches Feld, und Baumanns Flöte beschließt die Platte allein mit „Sequent C“. Das Album erreichte Platz 15 in Großbritannien und begründete die internationale Karriere der Band.
Schlüsseltitel: Phaedra · Movements of a Visionary · Sequent 'C'
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1975Zwei seitenlange Kompositionen verdichten die Entdeckungen von Phaedra zu einer geschlosseneren Architektur. Mellotron-Chöre, flötenartige Farben und turbulente abstrakte Passagen umgeben Sequencer-Muster, die auftauchen, zurückweichen und verändert wiederkehren. Das Fehlen benannter Unterabschnitte lädt zum ununterbrochenen Hören ein. Rubycon erreichte Platz zehn in Großbritannien, die höchste Position der Band in den regulären Albumcharts.
Schlüsseltitel: Rubycon (Part I) · Rubycon (Part II)
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1975Das erste Livealbum von Tangerine Dream wurde aus Konzerten des Jahres 1975 in Großbritannien und Frankreich zusammengestellt und anschließend im Studio zu zwei seitenlangen Stücken geformt. „Part One“ schichtet mehrere rhythmische Muster mit einer auf den Studioalben seltenen Wucht; „Part Two“, größtenteils aus Croydons Fairfield Halls, beginnt mit Froeses absteigender Klavierfigur, bevor Mellotron und echoende Sequencer-Linien übernehmen. Das Album dokumentiert Improvisation als Komposition, statt ein Studioprogramm nachzuspielen.
Schlüsseltitel: Ricochet, Part One · Ricochet, Part Two
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Abseits der Klassiker
Stratosfear
1976Das letzte Studioalbum des Trios Froese–Franke–Baumann verbindet Sequencer mit Akustikgitarre, Flügel, Cembalo und Mundharmonika. Vier eigenständig betitelte Stücke machen die Struktur leichter nachvollziehbar als auf Rubycon; „Invisible Limits“ wechselt von elektronischem Vorwärtsdrang in eine von Flöte geführte Schlusspassage.
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1977William Friedkin gab die Musik anhand eines Drehbuchs in Auftrag, bevor die Band den fertigen Film gesehen hatte. Zwölf kompakte Stücke übertragen Tangerine Dreams Langform-Vokabular in Spannung, Perkussion und wiederkehrende Motive; „Betrayal“ liefert das bekannteste Thema der Filmmusik. Der Soundtrack erreichte Platz 25 in Großbritannien.
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1971Froese, Franke und Steve Schroyder verbinden Orgel, Flöte, Perkussion und die ersten markanten VCS-3-Synthesizerpassagen der Band. Das 22-minütige Titelstück entwickelt sich aus Beinahe-Stille und anschwellenden Becken zu elektronischen Sirenen und mächtigen Orgelschichten. Es hält den Moment fest, in dem sich freie Rockimprovisation in Kosmische Musik verwandelte.
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Die Filmmusiken zu Sorcerer, Thief, Risky Business und Firestarter brachten Tangerine Dreams elektronisches Vokabular ins Kino. Mit dem Konzert 1980 im Palast der Republik in Ost-Berlin wurden sie zugleich zur ersten bedeutenden westlichen Gruppe, die in der DDR auftrat. Ihr Katalog dokumentiert außerdem den Technologiewandel: analoge Modulsysteme in den 1970ern, digitale Instrumente und Sampling in den 1980ern sowie computergestützte Echtzeitkomposition in den heutigen „Sessions“.
Die Fortsetzung nach Froeses Tod ist nicht bloß ein Tribute-Projekt. Quaeschning war 2005 eingestiegen und wurde 2013 von Froese zum musikalischen Leiter ernannt. Gemeinsam mit Yamane und Frick verbindet die heutige Besetzung Froeses erhaltene Skizzen auf Quantum Gate mit neuen Gemeinschaftsarbeiten wie Raum und den Live-Sessions. Diese Kontinuität macht Tangerine Dream zugleich zu einem historischen Einfluss und einer aktiven elektronischen Gruppe.
Quellen & weiterführende Lektüre
Tangerine Dream — offizielle Biografie
Tangerine Dream — offizielle aktuelle Besetzung
Tangerine Dream — Archiveintrag zu Phaedra
Tangerine Dream — Archiveintrag zu Rubycon
Tangerine Dream — Archiveintrag zu Ricochet
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