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Classic Album Guide

So Far

Faust · 1972 · Krautrock / Avant-Garde

Das 1972 von Polydor veröffentlichte So Far ist Fausts zweites Album mit neun Titeln, in Wümme von Werner Diermaier, Hans Joachim Irmler, Jean-Hervé Péron, Rudolf Sosna und Gunther Wüsthoff mit Produzent Uwe Nettelbeck und Toningenieur Kurt Graupner aufgenommen.

Veröffentlicht 1972Zweites Album mit neun TitelnPolydor 2310 196
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Das Album

Auf einen Blick

Künstler
Faust
Erschienen
1972
Album
Zweites Studioalbum
Originaltitel
Neun
Label
Polydor 2310 196
Produzent
Uwe Nettelbeck

Warum es wichtig ist

Faust entdeckt den radikalen Fast-Song

So Far beweist, dass Faust nicht die ständige Collage mit harten Schnitten des Debüts brauchte, um störend zu bleiben. It’s a Rainy Day, Sunshine Girl nutzt über sieben Minuten einen elementaren Puls und eine wiederholte Titelzeile, sodass kleinste Akzentverschiebungen zur Komposition werden. No Harm beginnt mit langer vokaler Rockspannung und stürzt dann in eine der kräftigsten Wiederholungsfiguren des Albums. Titelsong und Mamie Is Blue setzen Groove, Orgel, Gitarre und Studiobehandlung in fast vertraute, aber nie konventionell gelöste Formen.

Sehr kurze Stücke auf Seite zwei unterbrechen diese großen Strukturen und verhindern eine Folge standardisierter Songs. Die fünfköpfige Besetzung klingt fokussierter als die des Debüts; Nettelbeck und Graupner behandeln Aufnahmeentscheidungen weiter als Autorschaft. Schwarze Verpackung und getrennte Bilddrucke kehren die Transparenz von Faust um: Das zweite Album verbirgt sein Objekt und entfaltet sich in autonome Bilder. So Far ist wichtig, weil es Zugänglichkeit als manipulierbares Material nutzt, nicht als Aufgabe der experimentellen Methode.

Wümme 1972

Sechs Monate nach dem transparenten Debüt

Faust blieb nach dem Debüt von 1971 im Wohnstudio Wümme, weiterhin von Polydor unterstützt und mit Produzent Uwe Nettelbeck und Toningenieur Kurt Graupner. Arnulf Meifert gehörte nicht mehr zur regulären Albumbesetzung; Diermaier, Irmler, Péron, Sosna und Wüsthoff bildeten die belegte Fünfergruppe. Das Debüt hatte drei große Konstruktionen und eine transparente Röntgenverpackung verwendet, aber Polydors kommerzielle Erwartungen verfehlt. So Far entstand nur Monate später und bot neun einzeln benannte Stücke als Oberfläche größerer Konventionalität.

Die Veränderung war real, aber begrenzt: Mehrere Titel nutzen wiederholte Gesangszeilen, stetigen Rhythmus oder erkennbare Riffs; andere dauern weniger als drei Minuten oder verhalten sich wie Fragmente. Wümme erlaubte weiterhin Klangausarbeitung ohne gewöhnlichen Mietstudio-Zeitdruck. Polydor veröffentlichte 1972 als 2310 196 drei Titel auf Seite eins und sechs auf Seite zwei. Die Labelbeziehung reichte noch zur Tony-Conrad-Kollaboration, bevor Faust zu Virgin und dem britischen Durchbruch von The Faust Tapes ging.

Fünf Musiker

Eine fünfköpfige Band im Wümme-Apparat

Werner “Zappi” DiermaierSchlagzeug und Perkussion
Hans Joachim IrmlerOrgel und Keyboards
Jean-Hervé PéronBass und Gesang
Rudolf SosnaGitarre, Keyboards und Gesang
Gunther WüsthoffSaxofon, Blas- und elektronische Instrumente
Uwe NettelbeckProduktion und Verpackungskonzept
Kurt GraupnerTontechnik
Edda KöchlDruck und Beitrag zur visuellen Verpackung

Diermaiers Schlagzeug ist auf Rainy Day bewusst sparsam; ein unveränderlicher Grundrhythmus macht Dauer zur Aufmerksamkeitsprüfung. Irmlers Orgel liefert warme gehaltene Harmonie und schroffen elektronischen Druck, besonders wenn Bearbeitung den natürlichen Anschlag verdeckt. Pérons Bass und Stimme verankern No Harms Verwandlung von lockerer Erklärung in kollektiven Vortrieb. Sosnas Gitarre und Keyboards erzeugen ungewöhnliche Melancholie und lassen einfaches Material emotional direkt, selbst wenn die Form fremd wird.

Wüsthoffs Saxofon und Elektronik erweitern Titelsong und kurze Instrumentals, ohne Jazzarrangements zu erzeugen. Die fünf Musiker teilen die Faust-Identität; individuelle Autorencredits variieren zwischen Ausgaben und Datenbanken. Nettelbeck und Graupner bewahren die Wümme-Methode zurückhaltender: Weniger Schnitte machen eine Verzerrung, einen Einsatz oder Ausfall proportional größer. Köchls Verpackungsrolle verbindet die Folge verschiedener Stücke mit einzelnen visuellen Werken.

Fast Songs

Wiederholung, Zurückhaltung und kontrollierte Sabotage

Der Auftakt lässt einen stetigen Tom- und Keyboardpuls zugleich tröstlich und unheimlich wirken, weil die normale Belohnung harmonischer Entwicklung ausbleibt. Gesang beschränkt sich oft auf kurze Wiederholungen; Sprache wirkt rhythmisch und konzeptionell statt als ausführliche Erzählung. On the Way to Abamäe verdichtet Bewegung zu einem kurzen Instrumental und räumt das Ohr vor No Harm. Dessen große Verwandlung zeigt neue Kontrolle: Ein lockeres Vokalstück wird ohne schnelle Montage zum gewaltigen Riff.

Der Titelsong nutzt Groove und Instrumentalaustausch, doch Bearbeitung und asymmetrische Details verhindern einen konventionellen Jam. Mamie Is Blue verlangsamt zu dunkler Orgel- und Gitarrenfarbe und macht Klangfarbe wichtiger als Ereignisdichte. I’ve Got My Car and My TV verwandelt Konsumobjekte in einen knappen schiefen Song; drei Miniaturen beschleunigen anschließend das Ende. Die Produktion ist klarer als beim Debüt, behandelt Verzerrung, Wiederholung, Größenwechsel und unvollständige Dauer aber weiter als Hauptentscheidungen.

Titel für Titel

Neun Stücke von Rainy Day bis In the Spirit

01

It's a Rainy Day, Sunshine Girl

Ein einfacher Schlagzeugrhythmus, schlichte Keyboardharmonie und eine wiederholte Zeile etablieren einen Groove, der konventionell kaum verändert wird. Die Zurückhaltung vergrößert Textur: Jeder Einsatz, Akzent und Wechsel vokalen Gewichts zählt. Die widersprüchliche Wetterphrase ist liebevoll und absurd. Faust macht aus poptauglichem Material eine Langzeitstudie, weder Parodie noch erwarteter Strophe-Refrain-Ertrag.

02

On the Way to Abamäe

Das kurze Instrumental bewegt sich leichter und vorläufiger. Statt voll ausgearbeitete Komposition verbindet es den verriegelten Puls des Auftakts mit No Harms größerem Drama. Melodie und Rhythmus erscheinen als Skizze; Reise wird wichtiger als Ziel. Die Kürze ist strukturell: Faust kann einen Titel als bewusstes Intervall nutzen, ohne ihn unsichtbar in eine Collage einzubauen.

03

No Harm

Das längste Stück beginnt mit Stimme, Raum und lockerer Instrumentalantwort. Spannung wächst, bis die Band eine brutale Wiederholungsfigur aus Schlagzeug und Tiefton findet. Die Verwandlung wirkt verdient, weil der Anfang so lange stabilen Impuls vorenthielt. Worte bleiben fragmentarisch und theatralisch. No Harm beendet Seite eins mit kollektivem Beharren und erzeugt Schock durch verzögertes Bekenntnis statt abrupten Bandschnitt.

04

So Far

Der Titelsong eröffnet Seite zwei mit elastischem Groove aus Schlagzeug, Gitarre, Orgel, Bläsern und Elektronik. Instrumente antworten ohne Solo-Begleitungshierarchie. Bearbeitung raut ein sonst zugängliches Arrangement auf. Der Titel wirkt wie ein Zwischenbericht: So weit ist die Band zu Song und Groove gegangen; jede instabile Klangfarbe erklärt die Reise für unvollendet.

05

Mamie Is Blue

Ein dunkleres, langsameres Feld folgt. Orgel, Gitarre und Stimme schaffen Melancholie, ohne sie zur Ballade zu polieren. Wiederholung lässt Verzerrung und Sustain emotionales Gewicht tragen. Die benannte Mamie bleibt schwer fassbar; die Musik bietet Zustand statt Biografie. Sechs Minuten bilden ein Schattenzentrum vor den kurzen komischen Stücken.

06

I've Got My Car and My TV

Eine kompakte Vokalkonstruktion macht Besitz und Konsumkomfort zu einer zu stumpfen Phrase für Beruhigung. Gitarre, Rhythmus und Studiokleinigkeiten halten den Song aus dem Gleichgewicht. Anders als die breite Kulturcollage des Debüts konzentriert er sich auf zwei Alltagsobjekte, deren Wiederholung ihre Unzulänglichkeit entlarvt. Die Kürze schärft die Satire ohne formelle politische Erklärung.

07

Picnic on a Frozen River

Diese Miniatur verdichtet einen visuellen Widerspruch auf weniger als eine Minute. Instrumentalgesten erscheinen, etablieren kalte Bewegung und verschwinden vor stabiler Entwicklung. Der Titel ist weiter als die Dauer und zwingt den Hörer, Raum zu imaginieren, den die Musik nur aufblitzen lässt. Die Position bricht die Erwartung, jeder LP-Titel müsse sich durch Songlänge rechtfertigen.

08

Me Lack Space...

Ein knappes stimmzentriertes Fragment lässt grammatische Knappheit körperliche Knappheit spiegeln. Die Auslassung ist Teil des Entwurfs: Der Titel schließt nicht, sondern reicht seine Unvollständigkeit ans Finale weiter. Nach mehreren großen Stücken macht diese Äußerung Mangel durch Dauer hörbar. Sie muss separat indexiert bleiben, weil das Originalprogramm den Übergang als zweiteiligen Austausch zeigt.

09

...In the Spirit

Die Antwort auf Me Lack Space weitet sich zu einer kurzen unerwartet beschwingten Schlussgeste. Orgel, Ensemblefarbe und leichter Gemeinschaftston ersetzen Einschränkung durch Bewegung. Die verbundenen Auslassungspunkte bewahren verschiedene musikalische Funktionen. Faust endet nicht mit langer gesprochener Auflösung wie das Debüt, sondern mit einer kompakten Befreiung, deren Optimismus seltsam bleibt.

Gewöhnliche Gegenstände

Autos, Fernsehen, Wetter und unzureichender Raum

So Far hat keine einzelne Handlung; die Titel sammeln Wetter, Reise, Warnung, Gefühlsfarbe, Besitz, Freizeit, Mangel und Geist. Alltagssprache wird durch Dauer oder Arrangement unzureichend. Rainy Day wiederholt einen Widerspruch, bis er Umgebung statt Aussage wird. No Harm bindet Beruhigung an zunehmend bedrohliche Musik und zeigt die Distanz zwischen Phrase und körperlicher Wirkung.

Car and TV reduzieren ein versprochenes modernes Leben auf zwei Besitztümer, deren Aufzählung stolz und leer klingt. Picnic on a Frozen River macht Freizeit physisch unmöglich; Me Lack Space verwandelt Begrenzung in gebrochene Syntax. In the Spirit antwortet mit Gemeinschaftsenergie, löst das Album aber nicht zu einer Philosophie auf. Einfache Wörter sind Oberflächen, unter denen Rhythmus, Verzerrung und Struktur Gegenbedeutungen erzeugen.

Polydor 2310 196

Schwarze Hülle, neun Titel und zehn Bildtafeln

So Far kehrt die Transparenz des Debüts mit überwiegend schwarzer Außenverpackung um. Die Originalausgabe enthielt quadratische Bilddrucke zu einzelnen Stücken und der Gesamtidentität. Helle vereinfachte Formen und Symbole stehen auf Schwarz und geben jedem Titel ein eigenes Emblem statt einer gemeinsamen Geschichte. Die Bilder lassen sich handhaben und neu ordnen; der Hörer wird zum visuellen Editor.

Uwe Nettelbeck ist für das Albumdesign, Edda Köchl für Druckarbeit ausgewiesen. Der Kontrast zu Faust wirkt bewusst: Offene Anatomie weicht verborgener Oberfläche und ablösbaren Bildern. Neun Audiotitel und mehrere Bildtafeln bilden verwandte, aber nicht mechanisch gleiche Strukturen. Neuauflagen mit nur einem Frontbild verlieren einen Teil der haptischen Vielfalt.

1972

Polydor verlangt Klarheit und erhält Faust

Polydor veröffentlichte So Far 1972 als zweites Faust-Album. Das Neun-Titel-Programm war lesbarer als die drei Collagen des Debüts, lieferte aber keine geradlinige kommerzielle Platte. Stetige Rhythmen und knappe Vokalstücke boten Zugänge, ohne Geräusch, Fragment, Absurdität oder lange Verwandlung zu entfernen. Die Originalverpackung blieb teuer und ungewöhnlich und stärkte Faust als vollständiges Studio- und Objektprojekt.

Die kommerziellen Ergebnisse enttäuschten Polydor erneut; die Beziehung führte nicht zu Mainstreamerfolg. Britische Hörer begegneten Faust bald durch Virgins billig vermarktete, 1973 aus Wümme-Aufnahmen kompilierte Faust Tapes. Diese Marketinggeschichte gehört zur späteren Kompilation, nicht zu So Far. Der kritische Ruf stellte das zweite Album später neben das Debüt als eigene Demonstration des Wümme-Systems.

Experimenteller Rock

Zugänglichkeit ohne Normalisierung

So Far beeinflusste besonders Künstler, die an zugleich primitiver, emotionaler und konzeptionell scharfer Wiederholung interessiert waren. It’s a Rainy Day, Sunshine Girl zeigt, wie minimales Rockmaterial ohne Virtuosität oder Sequencing Aufmerksamkeit hält. No Harm ist ein Modell verzögerter Strukturgewalt: Ein Stück kann minutenlang das Riff zurückhalten, das alles neu definiert. Die Fast-Songs weisen auf späteren Experimentalrock voraus, der Popform als Tarnung für Produktions- und Formstörung nutzt.

Die kurzen Stücke auf Seite zwei weisen ebenfalls auf fragmentbasierte Folgen voraus, ohne die durchgehende Collage des Debüts zu wiederholen. Faust IV verfeinerte die Balance von knappen Songs, Instrumentalräumen und schroffer Unterbrechung in anderem Studio. Das Bildportfolio bleibt ein Beispiel für Verpackung, die Titeln einzelne Bilder gibt, ohne sie zur Illustration zu reduzieren. So Far ist in Einheiten zugänglich und als Ganzes widerständig: Jede freundliche Struktur enthält eine Entscheidung gegen Normalisierung.

Originalprogramm

Die neun Originalstücke getrennt halten

Original-LP von 1972Polydor 2310 196: drei Titel auf Seite eins und sechs auf Seite zwei.
Zweiteiliger AbschlussMe Lack Space... und ...In the Spirit sind getrennt indexierte, durch ihre Titel verbundene Stücke.
Nicht The Faust TapesDie berühmte günstige Virgin-Kompilation folgte 1973 und ist keine Ausgabe von So Far.

Das kanonische Album enthält neun Titel. Seite eins endet mit dem zehnminütigen No Harm. So Far und Mamie Is Blue sind die beiden längsten Stücke auf Seite zwei. Drei kurze Titel beschleunigen die Schlussfolge.

Me Lack Space und In the Spirit müssen getrennt indexiert bleiben. Die Kernbesetzung ist die Fünfergruppe ohne Debütperkussionist Arnulf Meifert. Gesang erscheint durchgehend; eine Instrumental-Klassifikation ist falsch. Bonustitel und Material aus The Faust Tapes gehören außerhalb des Originalprogramms.

Ein Hörweg

Hören, was sich unter dem Groove verändert

  1. Beim Grundpuls von Rainy Day bleiben und jede kleine Veränderung registrieren.
  2. Abamäe als bewusste Lichtung vor No Harm nutzen.
  3. Auf No Harms Riff warten, statt den Anfang als Verzögerung zu behandeln.
  4. Beim Seitenwechsel den Groove des Titelsongs mit dem Stillstand des Auftakts vergleichen.
  5. Mamie Is Blue die dunkelste gehaltene Farbe des Albums etablieren lassen.
  6. Car and TV als schiefen Song hören, bevor drei Miniaturen den Maßstab brechen.
  7. Pause und Verbindung zwischen den letzten beiden Titeln bewahren.

Recherche und Quellen

Quellen und weiterführende Lektüre

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