Aphrodite’s Child entwickelten sich vom kunstvoll arrangierten Psychedelic Pop zum experimentellen Doppel-Konzeptalbum 666.
Aphrodite’s Child brachten 1968 griechische Musikalität nach Paris und wurden zunächst mit kunstvollem, melancholischem Pop bekannt. Gerade dieser Erfolg macht die abschließende Verwandlung umso bemerkenswerter. Vangelis’ Studioambitionen, Demis Roussos’ unverkennbar hoher Tenor, Lucas Sideras’ Schlagzeugspiel und Costas Ferris’ apokalyptischer Text führten zu 666 – einer Platte, die weit über die kompakten Singles hinausging, auf denen das Publikum der Gruppe aufgebaut worden war.
Aphrodite’s Child im Jahr 1970.Foto: Philips / Wikimedia Commons · Lizenziert unter Gemeinfrei. Für diese Seite in WebP umgewandelt.
Gründung & Geschichte
Vangelis Papathanassiou, Demis Roussos, Lucas Sideras und Argyris „Silver“ Koulouris arbeiteten zunächst in Griechenland zusammen, bevor dem in Paris ansässigen Trio der Durchbruch gelang.
Die vier Musiker nahmen als Papathanassiou Set Demos auf, bevor Vangelis, Roussos und Sideras 1968 nach Paris gingen; Koulouris blieb wegen seines Militärdienstes in Griechenland. „Rain and Tears“, aufgebaut auf der harmonischen Folge von Pachelbels Kanon, wurde ein europaweiter Hit und etablierte Aphrodite’s Child als Trio. Nach End of the World und It’s Five O’Clock zog sich Vangelis vom Tourneebetrieb zurück, um sich auf die Studioarbeit zu konzentrieren; Harris Chalkitis ersetzte ihn auf der Bühne. Koulouris kehrte für die Aufnahmen zurück, aus denen 666 entstand. Die Gruppe hatte sich 1971 bereits aufgelöst, bevor Vertigo das fertige Doppelalbum im Juni 1972 veröffentlichte.
Klang & Stil
Orgel, dramatischer Gesang und mediterrane Melodik werden auf 666 durch Erzählstimmen, Bandeffekte, Perkussion und Improvisation erweitert.
Die frühen Platten stützen sich auf Orgel, melodischen Bass, dramatischen Tenor und kontinentale Pop-Orchestrierung. Auf 666 bilden Perkussion, Erzählstimmen, Bandschnitt, Chorschichten, Hard Rock und elektronische Texturen eine ständig wechselnde Folge. Vangelis behandelt das Studio wie ein Instrument, während Roussos’ Stimme andächtig, intim oder kraftvoll klingen kann. Der Gegensatz zwischen mediterraner Färbung und experimenteller Montage ist die prägende Spannung des Katalogs.
Zentrale Alben
1972
666
Vertigo · Originalveröffentlichung von 1972
666 deutet die Offenbarung des Johannes als Spektakel, während außerhalb der Inszenierung die tatsächliche Apokalypse stattfindet. Kurze Songs, Erzählstimmen, Perkussionsrituale und wiederkehrende Ansagen sammeln sich über vier Plattenseiten. „The Four Horsemen“ bietet eine der prägenden Gesangsleistungen von Roussos; „Aegian Sea“ öffnet einen gewaltigen Raum um Gitarre und Stimme; „All the Seats Were Occupied“ fügt früheres Material zu einer abschließenden Montage neu zusammen. Irene Papas’ umstrittenes „Infinity“ ist nur ein Extrem innerhalb eines wesentlich größeren Entwurfs. Das nach dem faktischen Zerfall der Tourneeband aufgenommene Album macht Auflösung zur Form. Es ist das Meisterwerk – und zugleich das Ende.
Schlüsseltitel: The Four Horsemen · Aegian Sea · All the Seats Were Occupied
End of the World dokumentiert Aphrodite’s Child als neu entwurzeltes griechisches Trio, das kunstvoll arrangierten europäischen Pop spielt. „Rain and Tears“ legt seine Melodie über die mit Pachelbels Kanon verbundene harmonische Bewegung; Roussos singt zugleich zart und unverkennbar. Der Titelsong und „The Grass Is No Green“ legen unter der erfolgreichen Single eine dunklere psychedelische Strömung frei. Vangelis’ Orgel und Arrangements lassen die Platte größer klingen als ihre kleine Besetzung. Wie viele Debüts von 1968 ist sie uneinheitlich, doch sie zeigt, dass die Band 666 über echtes Pop-Handwerk erreichte und nicht plötzlich als vollständig experimentelle Formation erschien.
Schlüsseltitel: End of the World · Rain and Tears · The Grass Is No Green
It’s Five O’Clock verfeinert die Baroque-Pop-Sprache des Trios und deutet zugleich die Trennung an. Der Titelsong schafft mit Klavier, Orgel und Roussos’ Stimme eine feierliche, beinahe liturgische Atmosphäre. „Wake Up“ und „Annabella“ zeigen die melodische Direktheit, die das kontinentale Publikum der Gruppe hielt; zugleich bietet das Album mehr Studiofarben und dramatische Entwicklung als das Debüt. Vangelis wollte immer weniger touren, sodass die polierte Platte eine Band verdeckt, deren Ziele bereits auseinanderliefen. Zwischen dem unschuldigen Durchbruch und dem radikalen Abschlussprojekt macht gerade ihre Eleganz den kommenden Bruch sichtbar.
Schlüsseltitel: It’s Five O’Clock · Wake Up · Annabella
Die Verwandlung von knappem Psychedelic Pop zu 666 ist die entscheidende Geschichte.
Die kurze Geschichte der Gruppe enthält zwei deutlich verschiedene Identitäten: ein erfolgreiches europäisches Psychedelic-Pop-Trio und ein experimentelles Konzeptalbum-Ensemble. Wer alles auf 666 reduziert, übersieht das melodische Handwerk davor; wer 666 ignoriert, verkennt das Ausmaß der letzten Studioverwandlung. Der spätere Soloruhm von Vangelis und Roussos sollte diese gemeinsame Entwicklung nicht verdecken.
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