Überblick
Christian Vander gründete Magma 1969 in Paris und gab der Gruppe eine ungewöhnlich geschlossene künstlerische Welt: ein teilweise in der erfundenen kobaïanischen Sprache gesungenes Repertoire, wiederkehrende Geschichten um den Planeten Kobaïa und eine musikalische Methode mit Schlagzeug, Bass und gebündelten Stimmen im Zentrum. Auf dem ersten Doppelalbum prägten Bläser und Jazz-Rock-Bewegung noch deutlich das Bild; bei Mëkanïk Dëstruktïẁ Kömmandöh rückten der Chor und ein schwerer zyklischer Puls in den Mittelpunkt. Diese sich entwickelnde Arbeitsweise wurde zum Bezugspunkt für den als Zeuhl bekannten Stil.
Gründung & Geschichte
Die acht Musiker des Debüts von 1970 kamen aus Jazz, Klassik, Blues, Rock und Pop. Vander spielte Schlagzeug und sang; Claude Engel steuerte Gitarre und Flöte bei, Francis Moze Bass, François Cahen Klavier, Teddy Lasry und Richard Raux Holzbläser und Flöte, Alain Charlery Trompete und Perkussion sowie Klaus Blasquiz Gesang. Das im April 1970 bei Europa Sonor in Paris aufgenommene Doppelalbum schildert die Flucht von einer beschädigten Erde nach Kobaïa und etabliert zugleich die Sprache, in der diese Geschichte erzählt wird.
Das Personal wechselte rasch. Blasquiz blieb in den frühen 1970er-Jahren eine prägende Leadstimme, während Jannick Tops Einstieg dem Bass neues Gewicht und größere Eigenständigkeit gab. Stella Vander war erstmals im Chor von Mëkanïk Dëstruktïẁ Kömmandöh auf einer Aufnahme zu hören. Nach Phasen, die Projekten wie Offering und dem Christian Vander Trio gewidmet waren, nahm Magma 1996 die regelmäßige Konzertarbeit wieder auf. Spätere Studioalben wie K.A, Ëmëhntëhtt-Ré, Zëss und das kollektiv geschriebene Kartëhl zeigen, dass die Gruppe nicht bei einer reinen Repertoirepflege stehen blieb.
Klang & Stil
Der Klang verändert sich im Verlauf des Katalogs deutlich. Kobaïa setzt Saxofone, Trompete, Flöte, E-Gitarre und Klavier um eine kraftvolle Rhythmusgruppe ein. Auf Mëkanïk Dëstruktïẁ Kömmandöh treten die Bläser zurück; ein Ensemble weiblicher Stimmen ergänzt Christian Vander und Klaus Blasquiz und formt sieben verbundene Sätze zu einem anhaltenden Chordrama. Köhntarkösz verschiebt das Gleichgewicht erneut: Jannick Tops Bass, zwei Keyboarder und Vanders zurückhaltenderes, aber enorm gewichtiges Schlagzeug erzeugen lange Spannungsbögen in der Schwebe.
Kobaïanisch dient ebenso dem Klang wie der Erzählung. Wiederholte Silben lassen die Stimmen wie Perkussion arbeiten, während gehaltene Vokale und übereinandergeschichtete Stimmen die Harmonie vergrößern. Basslinien tragen häufig eine eigenständige melodische Kontur, statt lediglich Gitarrenakkorde zu verstärken. Das Ergebnis kann aus Jazzimprovisation, klassischer Wiederholung, Rhythm and Blues und Rocklautstärke schöpfen, ohne sich auf die üblichen Rollenverteilungen einer dieser Traditionen festzulegen.
Zentrale Alben
Diese im Manor in Oxford und im Aquarium in Paris aufgenommene siebenteilige Suite verdichtet die breite Jazz-Rock-Palette der früheren Band auf Chor, Rhythmusgruppe, Keyboards, Gitarre und Klarinette. Jannick Tops Bass greift in Vanders Schlagzeug, während Klaus Blasquiz, Christian Vander, Stella Vander und vier weitere Sängerinnen den sich steigernden Vokalentwurf tragen. Das Werk ist der dritte Satz der Theusz-Hamtaahk-Trilogie, obwohl es als erster der drei Sätze auf einem Studioalbum erschien.
Schlüsseltitel: Hortz Fur Dëhn Stekëhn Ẁest · Da Zeuhl Ẁortz Mëkanïk · Kreühn Köhrmahn Iss Dëh Hündïn
Albumguide öffnen → Bei Amazon ansehen →Köhntarkösz
1974Dieses Einzelalbum ist um die zweiteilige Titelkomposition gebaut; Tops „Ork Alarm“ und Vanders knappe John-Coltrane-Hommage „Coltrane Sündïa“ vervollständigen das Programm. Zur Besetzung gehören Vander, Top, Blasquiz, Stella Vander, die Keyboarder Gérard Bikialo und Michel Graillier sowie Gitarrist Brian Godding. Gegenüber M.D.K. nehmen die Stimmen weniger Raum ein, während Bass und zwei Keyboards das langsam anwachsende Titelwerk dichter und schwebender wirken lassen.
Schlüsseltitel: Köhntarkösz, Part One · Köhntarkösz, Part Two · Coltrane Sündia
Albumguide öffnen → Bei Amazon ansehen →Magma
1970Das Debüt führt Kobaïa in zehn Stücken und mit einer groß besetzten achtköpfigen Formation ein. „Kobaïa“ eröffnet mit der Verbindung aus Bass, hämmerndem Schlagzeug, Gitarre und Bläsern, die das Album rahmt; „Aïna“ und „Sohia“ durchlaufen kontrastierende vokale und instrumentale Abschnitte; „Stoah“ treibt Wiederholung und Sprechgesang in Richtung jener Arbeitsweise, die Magma später intensivieren sollten. Holzbläser und Trompete machen die Platte deutlicher zu Jazz Rock als die späteren chorzentrierten Alben.
Schlüsseltitel: Kobaïa · Aïna · Stoah
Albumguide öffnen → Bei Amazon ansehen →Affiliate-Hinweis: Über Amazon-Links auf dieser Seite kann RetroForge Records eine kleine Provision erhalten, ohne dass Ihnen zusätzliche Kosten entstehen.
Tiefer in den Katalog
Üdü Ẁüdü
1976Üdü Ẁüdü dokumentiert einen Übergang zwischen verschiedenen Bandformationen statt eines einheitlichen Sessionklangs. Sein Schwerpunkt ist Jannick Tops „De Futura“, aufgebaut aus verzerrtem Bass, ineinandergreifenden Keyboards und einem wiederholten Puls im tiefen Register; Vanders kürzere Stücke gruppieren Chorsatz und abgehackte rhythmische Figuren darum. Das Album macht Tops Rolle als Komponist und nicht nur als Bassist unüberhörbar.
Albumguide öffnen → Bei Amazon ansehen →Attahk
1978Das von September bis November 1977 im Château d'Hérouville aufgenommene Attahk ersetzt seitenlange Architektur durch sieben kürzere Titel. Vander übernimmt einen größeren Anteil am Sologesang und setzt Klavier, Rhodes, Chamberlin und Perkussion neben zwei Bassparts, Bläsern und einem kleinen Chor ein. „The Last Seven Minutes“, „Spiritual“ und „Nono“ bringen vom Gospel geprägten Wechselgesang und eine direktere rhythmische Oberfläche in Magmas Vokabular. H. R. Giger gestaltete das Cover.
Albumguide öffnen → Bei Amazon ansehen →Retrospektïẁ
1981Diese Aufnahmen stammen von drei Konzerten im Juni 1980 im Pariser Olympia, die Magmas erstes Jahrzehnt feierten und Musiker verschiedener Phasen wieder zusammenführten. Retrospektïẁ 1/2 brachte endlich den ersten Satz der Theusz-Hamtaahk-Trilogie neben M.D.K. auf Tonträger; das separat veröffentlichte Retrospektïẁ 3 enthält „Retrovision“, „Hhaï“ und „La Dawotsin“. Die Veröffentlichungen funktionieren damit als Repertoireübersicht mit wechselnden Sängern und Instrumentalkombinationen, nicht bloß als Dokument einer einzigen Tourbesetzung.
Albumguide öffnen → Bei Amazon ansehen →Warum sie bis heute wichtig sind
Magma etablierten ein wiederholbares musikalisches Vokabular, ohne es erstarren zu lassen. Das enge Verhältnis von Bass und Schlagzeug, Chorsatz auf Kobaïanisch und großflächige Wiederholung gaben späteren Musikern ein konkretes Modell für Zeuhl; zugleich zeigen die Unterschiede zwischen Kobaïa, Mëkanïk Dëstruktïẁ Kömmandöh, Köhntarkösz und Attahk, wie stark dieses Modell sich verändern konnte. Die offizielle Bandgeschichte dokumentiert nach der Bühnenrückkehr 1996 eine fortlaufende Hinwendung zu neuer Musik, zuletzt in der kollektiven Arbeitsweise von Kartëhl. Diese Verbindung aus erkennbarer Sprache und wechselndem Personal macht Magma zu mehr als einem konservierten Katalog der 1970er-Jahre.
Quellen & weiterführende Lektüre
Magma – Offizielle Biografie dokumentiert die wechselnden Besetzungen, die Bühnenrückkehr 1996 und die spätere Studioarbeit. Magma – Offizielle Diskografie liefert die Albumchronologie der Band.
Seventh Records – Kobaïa nennt die Besetzung von 1970, das Programm aus zehn Stücken und die Aufnahmedaten. Seventh Records – Mëkanïk Dëstruktïẁ Kömmandöh und Seventh Records – Köhntarkösz dokumentieren ihre Besetzungen und Strukturen. Seventh Records – Retrospektïẁ identifiziert die Olympia-Auftritte vom Juni 1980 und die ursprüngliche Veröffentlichungskonfiguration.
Verknüpfte Wege durchs Archiv