Überblick
Neu! verdichteten eine entscheidende Phase des westdeutschen Experimental Rock in drei Alben, die zwischen 1972 und 1975 bei Brain erschienen. Michael Rothers geschichtete Gitarren und Klaus Dingers antreibendes Schlagzeug erzeugten eine Musik voller markanter Gegensätze: Vorwärtsbewegung neben schwebender Atmosphäre, klare Melodielinien neben rauen Klängen und geduldige Wiederholung neben abrupten Eingriffen im Studio. Der später geprägte Begriff Motorik ist heute untrennbar mit der Gruppe verbunden, obwohl Dinger selbst Bezeichnungen wie „Apache-Beat“ bevorzugte und Neu! nicht die einzigen deutschen Musiker waren, die einen geraden, nicht swingenden Puls erkundeten.
Gründung & Geschichte
Rother und Dinger gehörten 1971 beide für kurze Zeit zu einer frühen Kraftwerk-Besetzung. Nach der Trennung von Florian Schneider arbeiteten sie als Neu! weiter mit dem Toningenieur und Koproduzenten Conny Plank. Das Debüt nahmen sie im Dezember 1971 während vier Nächten im Hamburger Star-Musik Studio auf. Brain, das neue Metronome-Imprint von Bruno Wendel und Günter Körber, veröffentlichte das Album im März 1972. Die sechs Stücke zeigen bereits die gesamte Spannweite des Duos: vom ununterbrochenen Vorwärtsdrang in „Hallogallo“ und „Negativland“ bis zu den Wassergeräuschen, gestrichenen Klangfarben und dem ungeschützten Gesang in „Im Glück“ und „Lieber Honig“.
1973 folgte Neu! 2. Nachdem das Aufnahmebudget aufgebraucht war, bevor eine vollständige zweite Seite existierte, verwendeten Rother, Dinger und Plank die Single „Neuschnee“/„Super“ von 1972 als Ausgangsmaterial, spielten sie mit veränderten Geschwindigkeiten ab und bearbeiteten das Band. Das Ergebnis entstand aus einer Notlage und nicht aus einer geplanten Theorie des Remixens. Bei Neu! ’75 hatten sich Rothers und Dingers musikalische Vorstellungen auseinanderentwickelt: Die erste Seite bevorzugt weitläufige Instrumentalstücke, während Dingers konfrontativere zweite Seite seinen Bruder Thomas Dinger und Hans Lampe am Schlagzeug hinzunimmt. Nach dem Album endete die Partnerschaft. 1985 und 1986 arbeiteten Rother und Dinger erneut zusammen; Grönland veröffentlichte Rothers autorisierte Rekonstruktion dieses Materials 2010 als Neu! ’86.
Klang & Stil
Dingers gerader Viertelpuls verzichtet auf die übliche Betonung des Rock-Backbeats und schafft durch kleinste Veränderungen von Beckenklang, Dynamik und Anschlag Kontinuität. Rother verziert diesen Puls nicht bloß: Seine mehrfach aufgenommenen Gitarren, der Bass und die Keyboards verwandeln ihn in eine Landschaft. „Hallogallo“ bleibt beweglich, weil kurze Gitarrenfiguren auftauchen, zurückweichen und die Lage wechseln, während der Rhythmus den Horizont festhält. An anderen Stellen werden Planks Schnitte, Filter, Phasing, Varispeed und räumliche Mischung zu kompositorischen Werkzeugen statt zu bloßen Oberflächeneffekten.
Der Katalog ist breiter als sein berühmter Beat. „Sonderangebot“ ist ein elektronischer Bordun; „Weissensee“ und „Seeland“ bewegen sich in beinahe pastoraler Ruhe; „Hero“ führt Dingers heiseren Gesang und die verzerrte Gitarre in Richtung einer später mit Punk verbundenen Sprache. Neu! ’75 macht den inneren Gegensatz am deutlichsten: Rothers melodische, weitläufige erste Seite und Dingers rauere, songorientierte zweite Seite gehören zum selben Album, ohne vorzugeben, die Partnerschaft habe noch ein gemeinsames Ziel besessen.
Zentrale Alben
Neu!
1972Das im Dezember 1971 aufgenommene Debüt begründet die produktive Reibung zwischen Puls und offenem Raum. „Hallogallo“ hält zehn Minuten Bewegung aufrecht, ohne zum Vehikel für Soli zu werden; „Sonderangebot“ und „Weissensee“ verlangsamen den Maßstab des Hörens; „Negativland“ unterbricht seinen Beat mit Band- und Maschinengeräuschen. „Im Glück“ und „Lieber Honig“ rahmen die zweite Seite mit Wasserklängen und geben der LP eine Kreisform statt einer Abfolge unverbundener Experimente.
Schlüsseltitel: Hallogallo · Im Glück · Lieber Honig
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1975Das letzte Album der klassischen Phase verteilt seinen Charakter auf die beiden Seiten. Rothers „Isi“, „Seeland“ und „Leb’ Wohl“ bevorzugen Keyboardmelodien, bearbeitete Gitarre und gelassenen Raum. Dinger antwortet mit „Hero“, „E-Musik“ und „After Eight“, unterstützt von Thomas Dinger und Hans Lampe am Schlagzeug. Diese Teilung macht das Album zum Dokument zweier Richtungen: Die eine führt zu Rothers Solowerk, die andere zu Dingers La Düsseldorf.
Schlüsseltitel: Isi · Hero · After Eight
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Für die Vertiefung
Neu! 2
1973„Für immer“ entwickelt den gleichmäßigen Puls über elf Minuten, während „Lila Engel“ Dingers Stimme einen schärferen Rockrahmen gibt. Nachdem das Studiobudget aufgebraucht war, verarbeitet die zweite Seite die Single „Neuschnee“/„Super“ mit verschiedenen Abspielgeschwindigkeiten und Schnitten neu. Sie lässt sich am besten als einfallsreiche Antwort auf unfertiges Material hören und nicht als Beweis dafür, dass Neu! im Alleingang die spätere Remixkultur erfanden.
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Die Bedeutung von Neu! liegt in einer Methode und nicht nur in einem Schlagzeugmuster. Wiederholung macht kleinste Veränderungen hörbar; Produktion wird zum Teil der Komposition; Melodie kann unmittelbar bleiben, ohne zur Konvention des Bluesrock zurückzukehren. Diese Prinzipien verbreiteten sich weit in Post-Punk, elektronischer Musik und Independent Rock. Künstler wie David Bowie, Brian Eno, Stereolab und Sonic Youth haben ihre Nähe zur Gruppe benannt oder musikalisch erkennen lassen, doch das Vermächtnis von Neu! zeigt sich deutlicher in den Platten selbst als in einer Liste berühmter Bewunderer.
Die mit Rothers und Dingers Beteiligung vorbereiteten Grönland-Neuauflagen von 2001 brachten die drei Brain-Alben endlich wieder autorisiert in den internationalen Vertrieb. Spätere Jubiläumsausgaben und Neu! ’86 erweiterten das Archiv, ohne dessen Schwerpunkt zu verschieben: Die Trilogie von 1972 bis 1975 bleibt ein konzentriertes Zeugnis zweier Musiker, die Rhythmus, Geräusch, Atmosphäre und Song in unterschiedliche Richtungen ziehen.
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