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Krautrock

Can

Kollektive Improvisation, rhythmische Disziplin und Bandschnitt, geformt zu einer neuen Rocksprache.

Köln, DeutschlandHerkunft
1968–1978; spätere Sessions bis 1999Aktiv
Krautrock / Experimental RockGenre
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Überblick

Can behandelten die Rockgruppe als Kompositionssystem in Echtzeit. Irmin Schmidts Keyboards, Holger Czukays Bass und Bandarbeit, Michael Karolis Gitarre und Jaki Liebezeits Schlagzeug konnten minutenlang eine Figur wiederholen und dabei Gewicht, Klangfarbe und innere Abstände fortwährend verändern. Das Ergebnis verbindet experimentelle Komposition, Free Jazz, Psychedelia, Funk und Rock, ohne eines davon zur Verzierung zu reduzieren.

Liebezeits Präzision steht im Zentrum, doch Cans Methode hängt vom gesamten Ensemble ab. Czukay konnte Passagen langer Aufführungen entfernen, neu anordnen und verbinden; Schmidt brachte präparierte, elektronische und Keyboard-Klangfarben ein; Karoli wechselte zwischen knapper Rhythmusarbeit und offenem Leadspiel. Malcolm Mooney und Damo Suzuki sangen nicht bloß über dieser Maschine – ihre unterschiedlichen Ansätze veränderten, wie die Band um eine Stimme improvisierte.

Can bei einem Auftritt in Hamburg 1972.
Can bei einem Auftritt in Hamburg 1972. Foto: Heinrich Klaffs / Wikimedia Commons · CC BY-SA 2.0 · WebP-Konvertierung

Gründung & Geschichte

1968 begannen Schmidt, Czukay, Liebezeit, Karoli und Flötist David Johnson in Köln zusammenzuarbeiten. Ihr erstes Konzert, eine Collage aus Rockaufführung und Bandmaterial, fand auf Schloss Nörvenich statt, wo die Gruppe auch ihr erstes Inner-Space-Studio einrichtete. Der amerikanische Bildhauer Malcolm Mooney kam als Sänger hinzu; Johnson wurde Toningenieur und verließ die Gruppe Ende des Jahres.

Monster Movie wurde direkt auf Zweispurband aufgenommen und vor der Veröffentlichung 1969 intensiv bearbeitet. Mooney kehrte nach Soundtracks in die USA zurück. Im Mai 1970 trafen Czukay und Liebezeit den Straßenmusiker Kenji „Damo“ Suzuki in München; noch am selben Abend trat er mit Can im Blow Up auf. Mit Suzuki nahm die Gruppe Tago Mago, Ege Bamyasi und Future Days sowie seine Beiträge zu Soundtracks auf.

Im Dezember 1971 zog Can in ein ehemaliges Kino in Weilerswist und baute dort das Studio, das für jedes folgende Can-Album außer Rite Time genutzt wurde. Nach Suzukis Weggang 1973 übernahmen Karoli und Schmidt mehr Gesang; Perkussionist Rebop Kwaku Baah und Bassist Rosko Gee kamen später in den Siebzigern hinzu. Czukay verließ 1977 die Tourband, 1978 löste sich die Gruppe auf. Die Monster Movie-Besetzung traf sich 1986 für Rite Time wieder; weitere Studioarbeiten folgten 1991 und 1999, jedoch keine konventionelle Reunion-Tour.

Klang & Stil

Can begannen oft mit kollektivem Spiel und entdeckten die fertige Komposition durch Hören und Schnitt. Das bedeutete nicht, dass Themen oder Entscheidungen fehlten: Riffs, harmonische Felder und rhythmische Zellen konnten den Rahmen bilden, während Czukays Bandarbeit bestimmte, welche Abschnitte auf die Platte kamen. Tago Mago zeigt die größte Spannweite dieser Methode – vom songförmigen „Paperhouse“ über den seitenlangen Puls von „Halleluwah“ bis zum bandgesättigten „Aumgn“.

Mooneys wiederholte Phrasen lassen Spannung durch Beharrlichkeit anwachsen; Suzuki wechselt zwischen gemurmelter Melodie, phonetischem Angriff und plötzlicher Klarheit. Unter beiden Sängern vermeidet Liebezeit konventionelle Rockakzente zugunsten ineinandergreifender Zyklen, während Bass, Gitarre und Keyboards den Raum um den Beat ständig neu bestimmen. Das Weilerswister Studio machte Aufnahme und Schnitt zum täglichen Arbeitsumfeld statt zu einer getrennten Schlussphase.

Wichtige Mitglieder und BesetzungInstrumentale Kernbesetzung: Irmin Schmidt (Keyboards), Holger Czukay (Bass, Bandschnitt), Michael Karoli (Gitarre, Gesang) und Jaki Liebezeit (Schlagzeug). Sänger: Malcolm Mooney und Damo Suzuki. Das frühe Mitglied David Johnson spielte Flöte und arbeitete als Toningenieur; zu den späteren Mitgliedern gehörten Rebop Kwaku Baah und Rosko Gee.

Zentrale Alben

Tago Mago

1971

United Artists · Originalveröffentlichung von 1971

Das erste vollständige Album mit Suzuki erweitert Cans Schnitt- und Spielmethode über vier Plattenseiten. „Paperhouse“ beschleunigt aus einer Songform heraus, „Halleluwah“ hält über eine ganze Seite einen rhythmischen Motor, und „Aumgn“ sowie „Peking O“ treiben Stimme, Band und Elektronik über die Form einer konventionellen Bandaufführung hinaus.

Schlüsseltitel: Paperhouse · Halleluwah · Bring Me Coffee or Tea

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United Artists · Originalveröffentlichung von 1972

Sieben Titel verdichten die kollektive Methode, ohne sie konventionell zu machen. „Pinch“ lässt weite Lücken um einen trockenen, elastischen Groove, „Vitamin C“ verwandelt Liebezeits Auftaktmuster in einen kompakten Song, und der Drumcomputerpuls von „Spoon“ steht neben radikal anderen Live-Rhythmen, statt die ganze Platte zu definieren.

Schlüsseltitel: Pinch · Vitamin C · Spoon

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United Artists · Originalveröffentlichung von 1973

Suzukis letztes Can-Album reduziert die Dominanz der Stimme und lässt Klang, Puls und offenen Raum die Form tragen. Das Titelstück treibt, ohne rhythmische Kontur zu verlieren, „Moonshake“ liefert einen knappen Song, und das zwanzigminütige „Bel Air“ entwickelt sich wie eine durchgehende Umgebung statt wie eine Solokette.

Schlüsseltitel: Future Days · Moonshake · Bel Air

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Weitere Empfehlungen

Das erste Studioalbum nach Suzuki behält das Kernquartett; Karoli und Schmidt teilen sich den Gesang. „Dizzy Dizzy“ setzt Violine gegen einen kreisenden Groove, „Come Sta, La Luna“ nutzt einen schärferen Gesangsrahmen, und das abschließende „Quantum Physics“ verwandelt Perkussion und Elektronik in ein schwebendes Feld.

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Landed

1975

Im Inner Space aufgenommen und in den Londoner Britannia Row Studios gemischt, präsentiert Landed kürzere, stärker getrennte Songs vor dem seitenlangen „Unfinished“. „Full Moon on the Highway“ und „Hunters and Collectors“ betonen den Ensembleangriff; das Finale lässt die Studiobearbeitung diese Direktheit zerlegen.

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Delay 1968

1981

Diese 1981 erschienene Sammlung bewahrt Material aus den Mooney-Sessions, das ursprünglich als Prepared to Meet Thy Pnoom vorgesehen war. „Butterfly“, „Uphill“ und „Little Star of Bethlehem“ zeigen eine rauere Gruppe, die noch erprobt, wie Wiederholung, Bluesformen, Lärm und Schnitt zusammenleben können.

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Warum sie bis heute wichtig sind

Cans fortdauernde Bedeutung liegt in einer nachvollziehbaren Idee statt in einer vagen Behauptung universeller Wirkung: Wiederholung kann Veränderung erzeugen, wenn jeder Musiker Klangfarbe, Dichte und Platzierung im Zyklus anpasst. Die Platten zeigen zudem, dass Schnitt Komposition sein kann, ohne die Spuren kollektiven Spiels auszulöschen. Diese Prinzipien wurden für Post-Punk, elektronische Musik und späteren Experimental Rock auf unterschiedliche Weise nutzbar.

Der Katalog widersetzt sich einem einzigen „klassischen Klang“. Monster Movie baut auf Mooneys Beharrlichkeit, Tago Mago macht das Studio instabil, Ege Bamyasi verdichtet die Methode, und Future Days öffnet sie zur Atmosphäre. Die Unterschiede zu hören ist nützlicher, als „Motorik“ zum Sammelbegriff für alles zu machen, was die Band aufnahm.

Quellen & weiterführende Lektüre

Gründung, die Studios auf Schloss Nörvenich und in Weilerswist, die Wechsel von Mooney und Suzuki, spätere Sessions und das Ende der Gruppe wurden anhand der offiziellen Can-/Spoon-Records-Geschichte geprüft.

Die Albumchronologie wurde mit der offiziellen Spoon-Records-Diskografie abgeglichen. Besetzung und Aufnahmeorte von 1968 bis 1977 dokumentieren Spoon Records und Mute außerdem in den Archivnotizen zu The Lost Tapes.

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