Murray Lerners Archiv lässt uns die Festivalgeschichte verlassen und bei einer einzigen Band bleiben
Message to Love nutzt das Isle of Wight Festival 1970, um eine umfassende Geschichte über Musik, Publikum, Ökonomie und gegenkulturelle Konflikte zu erzählen. Der The Who gewidmete Film greift für einen ganz anderen Zweck auf einen großen Teil desselben historischen Archivs zurück.
Sobald Murray Lerners Kameras bei Roger Daltrey, Pete Townshend, John Entwistle und Keith Moon bleiben, verliert das Festival ringsum gegenüber den inneren Mechanismen einer Band auf dem Höhepunkt ihrer Originalbesetzung an Bedeutung. Die offizielle Website von The Who beschreibt die spätere Veröffentlichung als nahezu vollständiges Bilddokument ihres Auftritts, der am Morgen des 30. August 1970 gegen zwei Uhr begann.
Allein dieser Zeitpunkt ist außergewöhnlich. Die Musiker hatten bereits jahrelang eine der körperlich anspruchsvollsten Bühnenshows des Rock entwickelt, und das Festival lief schon seit Tagen. Dennoch besitzt der Auftritt noch immer jene aggressive Präzision, die mit der Phase zwischen Tommy und den später zu Who's Next führenden Arbeiten verbunden wird.
Der Film ist deshalb nicht bloß Bonusmaterial, das aus einer berühmten Festivaldokumentation herausgelöst wurde. Er verändert die historische Betrachtungseinheit. Message to Love fragt, was die Isle of Wight bedeutete. Live at the Isle of Wight Festival 1970 fragt, wozu The Who fähig waren, wenn sie genug Leinwandzeit erhielten, um nicht länger ein Festival, sondern sich selbst zu repräsentieren.
*Tommy* war zu einer Livestruktur geworden und nicht mehr nur ein Studioalbum
Im August 1970 tourten The Who bereits seit weit über einem Jahr mit Tommy. Die Rockoper hatte den internationalen Ruf der Gruppe verwandelt und einen Langformrahmen geschaffen, der einen großen Teil eines Konzerts tragen konnte. Das Isle-of-Wight-Set enthält eine umfangreiche Tommy-Sequenz: „Overture“, „It's a Boy“, „Eyesight to the Blind“, „Christmas“, „The Acid Queen“, „Pinball Wizard“, „Do You Think It's Alright?“, „Fiddle About“, „Go to the Mirror“, „Miracle Cure“, „I'm Free“ und „We're Not Gonna Take It“ sowie weitere Bestandteile, die in den Film- und Audioausgaben vertreten sind.
Auf der Bühne verhalten sich diese Stücke anders als auf dem Studioalbum, weil The Who im Kern weiterhin eine vierköpfige Rockband sind. Orchestrale Möglichkeiten und Overdubs werden durch Townshends Gitarre, Entwistles Bass, Moons Schlagzeug und Daltreys Stimme ersetzt.
Diese Reduktion macht die Komposition körperlicher. Übergänge, die auf Platte erzählerisch wirken können, werden zu Leistungen der Livekoordination; Stücke wie „Pinball Wizard“ gewinnen zusätzliche Wucht, weil die Band sie oft genug gespielt hat, um genau zu wissen, wo Lockerheit ungefährlich ist.
Der Film zeigt, weshalb Tommy für The Who über das Prestige eines Konzeptalbums hinaus wichtig war. Es gab ihrer berühmt explosiven Liveshow einen langen Bogen, ohne dass die Gruppe dafür die Improvisation aufgeben musste.
Keith Moons Chaos ist in einem disziplinierteren System gebunden, als sein Ruf vermuten lässt
Moon ist eine der zentralen visuellen Attraktionen jedes erhaltenen Who-Auftritts. Seine Arme sind ständig in Bewegung, die Becken scheinen dauerhaft unter Beschuss zu stehen, und seine Mimik lässt das Schlagzeugpodest wie eine weitere Frontlinie wirken. Sichtbares Chaos darf jedoch nicht mit undiszipliniertem Spiel verwechselt werden.
Der Isle-of-Wight-Film zeigt, wie eng Moons Schlagzeugspiel mit Townshend und Entwistle interagiert. Er füllt häufig Räume, die ein anderer Schlagzeuger leer ließe, doch die Band versteht es, sich um diesen Ansatz herum zu organisieren. Entwistles Bass übernimmt oft eine stabilisierende Funktion, die gewöhnlich dem Schlagzeug zufällt, während Townshends breite Akkordarbeit eine weitere rhythmische Ebene bildet.
Diese ungewöhnliche Arbeitsteilung hatte sich über Jahre intensiven Tourens entwickelt. Die vier Musiker können „My Generation“ oder „Magic Bus“ ausdehnen, weil sie genug gemeinsame Bühnensprache besitzen, um Veränderungen auch ohne festgelegtes Studioarrangement zu erkennen.
Die Kamera macht dieses System sichtbar. Moons Bewegung zieht die Aufmerksamkeit auf sich, doch die stärksten Passagen zeigen, wie die anderen Musiker darauf reagieren.
Deshalb lassen sich The Who in ihrer Originalbesetzung durch technisch genaue Coverversionen so schwer nachbilden. Ihr Klang beruht weniger auf vier isolierten Stimmen als auf der Umverteilung herkömmlicher instrumentaler Aufgaben.
John Entwistles Skelettanzug macht Stillstand zu einem der stärksten Bilder des Films
Die offizielle Beschreibung von The Who erinnert ausdrücklich an Entwistles schwarzen Skelettanzug, der zu einem der bekanntesten visuellen Details des Konzerts geworden ist. Das Kostüm funktioniert, weil Entwistles Bühnenpersönlichkeit sich so stark von den Musikern um ihn herum unterscheidet. Daltrey schwingt das Mikrofon und bewegt sich an der Bühnenfront. Townshend schlägt Windmühlen, springt und behandelt die Gitarre körperlich. Moon verwandelt Schlagzeugspiel in unablässige Bewegung. Entwistle wirkt dagegen beinahe reglos.
Der Skelettanzug macht es unmöglich, diese Ruhe zu übersehen. Entwistle sieht theatralisch aus, ohne sich theatralisch zu verhalten.
Musikalisch ist der Gegensatz noch schärfer, denn sein Bassspiel ist außerordentlich aktiv. Schnelle Läufe, melodische Bewegung und ein stark verstärkter Ton füllen den Raum, während sein Körper vergleichsweise ruhig bleibt.
Dieses Missverhältnis zwischen visueller Zurückhaltung und instrumentaler Komplexität ist einer der besten Gründe, The Who nicht nur zu hören, sondern auch anzusehen. Unter den berühmteren Bildern von Townshend und Moon kann Entwistles Rolle gedanklich verschwinden, bis die Kamera zeigt, wie viele Informationen vom sichtbar unbeweglichsten Mitglied ausgehen. Der Skelettanzug macht aus einer stillen Präsenz einen visuellen Anker.
„Young Man Blues“ zeigt, weshalb The Who fremdes Material völlig zu ihrem eigenen machen konnten
Mose Allisons „Young Man Blues“ wurde zu einem der prägenden Livevehikel von The Who, obwohl es keine Originalkomposition Townshends war. Die Band verwandelt Allisons relativ zurückhaltende Jazzblues-Sprache in etwas körperlich Überwältigendes.
Diese Art der Interpretation ist mit dem verwandt, was Cream, Joe Cocker und andere Künstler andernorts im Screening Room taten, auch wenn die Ergebnisse sehr verschieden sind. Die Quelle bleibt erkennbar, doch das Arrangement wird nach den Stärken der auftretenden Band neu gebaut. Daltrey kann den Text zur Konfrontation machen, Townshend erzeugt explosiven Akkordraum, Entwistles Bass wird beinahe perkussiv und Moon lässt den Rhythmus niemals bequem sitzen.
Im Isle-of-Wight-Kontext ist das Lied besonders wertvoll, weil The Who bereits früher im Jahr 1970 eine berühmte Fassung für Live at Leeds aufgenommen hatten. Der Vergleich zeigt, dass Liverepertoire durch Variation statt Nachbildung funktioniert. Eine bekannte Aufnahme friert das Lied nicht ein. Lerners Kamera ergänzt eine weitere Dimension, indem sie die körperlichen Signale zeigt, mit denen die Gruppe diese Variationen formt.
Neue Stücke weisen auf *Lifehouse* und *Who's Next*, bevor ihre Geschichte feststeht
Die offizielle Hintergrunddarstellung von The Who erklärt, dass „Water“, „I Don't Even Know Myself“ und „Naked Eye“ zu dem Material gehörten, das rund um das geplante Lifehouse-Konzept entwickelt wurde. Das ehrgeizige Projekt scheiterte schließlich in seiner ursprünglichen Form, während die damit verbundenen Sessions Material zu Who's Next beitrugen.
Dadurch wird der Isle-of-Wight-Auftritt zu einer ungewöhnlich wertvollen Momentaufnahme. Die Band tourt mit einem großen Konzept, Tommy, und führt zugleich bereits Musik aus einer weiteren konzeptuellen Zukunft ein, die sich nicht wie geplant entfalten wird.
Eine konventionelle Karriereerzählung lässt Who's Next leicht unvermeidlich erscheinen, weil es zu einem der meistgefeierten Alben der Gruppe wurde. Im August 1970 war der Weg zu dieser Platte noch instabil. Die neuen Lieder sind Belege laufender Arbeit und keine Vorschauen, die eigens für spätere Historiker entworfen wurden.
Auch deshalb sind künstlerbezogene Konzertfilme wichtig. Eine Festivalzusammenstellung würde verständlicherweise nur die größten vertrauten Stücke auswählen. Ein längerer Who-Film kann Material bewahren, dessen historische Bedeutung teilweise erst aus den späteren Versuchen der Band hervorgeht. Das Repertoire wird damit ebenso zum Dokument des Übergangs wie des Auftritts.
Der Beginn um zwei Uhr morgens macht das Maß der Konzentration schwer überschätzbar
Die offizielle Website von The Who vermerkt, dass die Band gegen zwei Uhr morgens begann. Festivalabläufe geraten oft weit hinter den angekündigten Zeitplan, und riesige Besetzungen können Musiker zu Uhrzeiten auf die Bühne zwingen, die unter normalen Tourbedingungen absurd wären. Zu dieser Stunde ein Set mit einem großen Teil von Tommy, ausgedehnten Liedfassungen und körperlich anspruchsvoller Bühnenarbeit zu spielen, verlangt eine professionelle Ausdauer, die beim Betrachten eines geschnittenen Films am helllichten Tag leicht übersehen wird.
Die Band wirkt nicht wie vier Menschen, die vor dem Schlafengehen höflich eine Verpflichtung erfüllen. Der Auftritt bewahrt Aggression und Risiko.
Besonders für Daltrey und Moon ist dies eindrucksvoll. Intensives Singen und Moons körperlicher Schlagzeugstil sind schon unter idealen Bedingungen anstrengend; die Festivalumgebung bringt zusätzlich Kälte, Wartezeit und logistische Unsicherheit. Der Schnitt verdichtet zwangsläufig die Dauer und entfernt Leerlauf, kann aber die grundlegende Energie der Musiker nicht vortäuschen. Die späte Stunde ist ein weiteres Beispiel dafür, dass frühe Großfestivals nicht nur legendäre Kulturereignisse, sondern auch schwierige Arbeitsumgebungen waren.
Das Audioalbum ist vollständiger als der ursprüngliche Film, daher dürfen die Titellisten nicht vermischt werden
Die offizielle Diskografie von The Who erklärt, dass Murray Lerner das Filmmaterial Mitte der 1990er wiederentdeckte und in Pete Townshends Archiv die ursprünglichen 8-Spur-Bänder gefunden wurden. Verhandlungen führten 1996 zu einer Doppel-CD und einer VHS-Veröffentlichung; spätere DVD- und Vinylausgaben folgten.
Die Audioausgabe bildet das Konzert wesentlich vollständiger ab als der gewöhnlich angeführte 85-minütige Film. Ihre Titelliste enthält Lieder und Tommy-Abschnitte, die in der ursprünglichen Videofassung fehlen.
Genau solch eine Gleichnamigkeitsfalle kann eine Datenbank beschädigen. Wird die CD-Titelliste automatisch auf die Filmseite übertragen, erwarten Nutzer Darbietungen, die das Video nicht enthält. Die offizielle Filmseite von The Who weist außerdem darauf hin, dass eine Neuauflage von 2006 Bonusstücke wie „Substitute“ und „Naked Eye“ ergänzte — letzteres zuvor in Lerners Message to Love erhältlich — sowie ein langes Interview mit Pete Townshend. Diese Zusätze müssen Bonusmaterial bleiben, statt unbemerkt in die kanonische 85-Minuten-Abfolge des Hauptfilms eingefügt zu werden. Das Werk hat eine Konzertquelle, aber mehrere redaktionelle Formen.
Lerners Kamera erfasst The Who nach Monterey und Woodstock, aber vor der eigenen Heritage-Mythologie
1970 waren The Who bereits in Monterey und Woodstock gefilmt worden. Diese früheren Auftritte wurden Teil der visuellen Mythologie der Band, doch beide waren in einen größeren Festivalfilm eingebettet.
Die Isle-of-Wight-Veröffentlichung profitiert von ihrer Dauer. Zuschauer können lange genug bei der Bühnenmethode der Gruppe bleiben, damit wiederkehrende Muster erkennbar werden. Townshends Bewegungen sind keine isolierten ikonischen Gesten, sondern Teil seiner Spielweise. Moons scheinbare Rücksichtslosigkeit wird als Ensemblesprache lesbar. Entwistles Ruhe wirkt nicht länger passiv. Daltreys Verwandlung vom Sänger der Mod-Ära zum souveränen Rockfrontmann wird leichter sichtbar.
Diese ausgedehnte Aufmerksamkeit erfasst die Band zudem, bevor spätere Heritage-Erzählungen sich um sie schließen. Keith Moon lebt, Who's Next ist noch nicht erschienen, Quadrophenia liegt Jahre entfernt, und The Who müssen ihre Vergangenheit noch nicht durch Jubiläumstourneen erklären. Sie arbeiten einfach. Die Mitte der 1990er veröffentlichte Fassung bringt Rückschau mit, doch die Bilder bewahren jene frühere Ungewissheit.
Die Zuschauerzahl ist weniger nützlich als die im Ereignis sichtbare Größenordnung
Offizielles Who-Material hat ebenso wie die moderne Geschichtsdarstellung des Isle of Wight Festivals eine Publikumsschätzung von rund 600.000 wiederholt. Andere Historiker bezweifeln derart hohe Zahlen für das Festival von 1970.
Der künstlerbezogene Film braucht keine exakte Zahl, um die Dimension zu vermitteln. Scheinwerfer, Dunkelheit und die riesige Festivalumgebung zeigen deutlich, dass The Who vor einer gewaltigen Menge spielen. RetroForge sollte 600.000 deshalb nicht als wissenschaftlich gemessene Besucherzahl darstellen, zugleich aber anerkennen, dass das offizielle Bandarchiv ungefähr diese Zahl verwendet.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil Festivalmythen numerische Angaben mit der Zeit naturgemäß vergrößern. Eine verantwortungsvolle Seite kann die Behauptung samt Quelle bewahren, ohne eine präzise Drehkreuzzählung vorzutäuschen. Der Auftritt bleibt außergewöhnlich, selbst wenn das tatsächliche Publikum etwas kleiner war.
Der Film zeigt, was aus einem Archiv werden kann, wenn ein Regisseur immer wieder zu ihm zurückkehrt
Murray Lerners Isle-of-Wight-Material brachte schließlich Message to Love und mehrere künstlerbezogene Filme hervor. Die Who-Veröffentlichung gehört zu den stärksten Beispielen dafür, wie dasselbe historische Rohmaterial Jahrzehnte später einen anderen redaktionellen Maßstab tragen kann.
Eine umfassende Dokumentation verlangt repräsentative Auswahl; ein künstlerbezogener Film kann dagegen Dauer zurückgewinnen und einen einzelnen Auftritt ausführlicher entfalten. Der Wert des Archivs steigt, wenn keine der beiden Fassungen als endgültig gilt. Message to Love erklärt das Festival durch Konflikt und Vielfalt. The Who: Live at the Isle of Wight Festival 1970 lässt einen Auftritt so immersiv werden, dass das Festival beinahe verschwindet. Beides sind wahre Verwendungen desselben Wochenendes.
Für eine Website, die Musikgeschichte durch Querverbindungen erschließt, sind beide ideale Begleiter. Leser können von der Ereignisgeschichte in die Auftrittsgeschichte wechseln, ohne vorzugeben, beides sei derselbe Artikel.
Hinweis zum Ansehen und Sammeln
Verwende den etwa 85-minütigen künstlerbezogenen Film als visuelles Hauptwerk und halte die vollständigere Titelliste der Doppel-CD von 1996 getrennt. Die Video-Neuauflage von 2006 ergänzt Bonusauftritte und ein Interview mit Pete Townshend, die als ausgabenspezifische Extras ausgewiesen bleiben sollten.