1968 setzte sich eine jüngere westdeutsche Generation mit der NS-Vergangenheit, dem Konservatismus des Nachkriegsestablishments und der Vorherrschaft angloamerikanischer Populärkultur auseinander. Die Bundesrepublik hatte 1955 den größten Teil ihrer staatlichen Souveränität zurückerlangt; entscheidend war also nicht ein Land, das weiterhin schlicht „besetzt“ war, sondern eine Gesellschaft, die nach Diktatur und Krieg um die Bedeutung kultureller Erneuerung rang.
Jazz, Soul und Rock ’n’ Roll zirkulierten neben europäischer Experimentalmusik. Einige Musiker kamen unmittelbar mit Karlheinz Stockhausens Unterricht oder Studioarbeit in Berührung; andere nahmen Free Jazz, Minimalismus, Tonbandkomposition und Psychedelic Rock aus größerer Entfernung auf. Die Ergebnisse waren dezentral und keineswegs einheitlich. Deshalb können Can, Neu!, Faust und Tangerine Dream zum selben historischen Gespräch gehören, ohne ähnlich zu klingen.
Der Düsseldorfer Klang
Kraftwerk und Neu! gingen aus der Düsseldorfer Szene hervor. Michael Rother und Klaus Dinger spielten beide kurzzeitig in einer frühen Kraftwerk-Besetzung, bevor sie 1971 Neu! gründeten. In ihrer Musik wurden Raum und Vorwärtsbewegung zu tragenden Strukturen: Rothers sparsame Gitarrenfiguren bewegten sich über Dingers unbeirrbarem 4/4-Puls. „Motorik“ wurde erst später zur gängigen Kurzformel und war nicht die bevorzugte Eigenbezeichnung der Band für diesen Rhythmus.
Auf dem Debüt von Neu! aus dem Jahr 1972 verwandelt „Hallogallo“ diesen Puls in zehn Minuten kontrollierten Vorwärtsdrang ohne konventionellen Rock-Höhepunkt. Der Einfluss der Gruppe ist durch spätere Musiker wie David Bowie sowie Mitglieder von Stereolab, Radiohead und Sonic Youth belegt. Weitergegeben wurde weniger ein bestimmter Gitarrenklang als ein Ordnungsprinzip: Wiederholung konnte Bewegung erzeugen, statt Stillstand zu bedeuten.
Köln und Berlin: unterschiedliche elektronische Wege
In Köln entwickelte Can eine andere kollektive Arbeitsweise. Die Gruppe formierte sich 1968 um Irmin Schmidt, Holger Czukay, Jaki Liebezeit und Michael Karoli; David Johnson gehörte zu den frühesten Sessions. Czukay spielte Bass, Karoli Gitarre, Liebezeit Schlagzeug und Schmidt Tasteninstrumente. Diese Unterscheidung ist wichtig: Das rhythmische Fundament kam von Czukay und Liebezeit, während Karolis Gitarre darüber scharf einschneiden oder sich in Klangfarbe auflösen konnte.
Liebezeits Schlagzeugspiel verband maschinenartige Beständigkeit mit ständiger mikroskopischer Veränderung. Can nahm lange kollektive Darbietungen auf und behandelte den Bandschnitt anschließend als Komposition. Tago Mago (1971) dehnt diese Arbeitsweise zu langen, unberechenbaren Formen aus; Ege Bamyasi (1972) verdichtet sie auf sieben deutlicher voneinander unterschiedene Stücke, ohne das Ensemble konventionell werden zu lassen.
Berlin brachte einen weiteren Weg hervor. Edgar Froese gründete Tangerine Dream dort 1967; die Band war kein Kölner Ableger. Auf Phaedra (1974) standen Synthesizer und Sequencer im Zentrum langer instrumentaler Strukturen, Rubycon (1975) führte diese sequenzergestützte Sprache weiter. Auch diese Platten besitzen einen Puls, doch sie organisieren ihn als elektronisches Muster und nicht als Groove einer Rockband.
München und Wümme: Kommunen und das Studio
Amon Düül II ging aus der Münchner Gegenkultur und ihrem kommunalen Umfeld hervor. Die frühen Platten der Gruppe verbinden schweren Psychedelic Rock, Improvisation, akustische Passagen und ungewöhnlich ausgedehnte Formen. Yeti (1970) stellt komponierte Songs einer vollständig improvisierten Plattenseite gegenüber, während Tanz der Lemminge (1971) den Maßstab zu Suiten und gegensätzlichen Klangfarben erweitert. Dieser Zweig der Geschichte ist weniger minimalistisch als Neu! und weniger auf Elektronik konzentriert als Tangerine Dream.
Faust versammelte Musiker aus dem Hamburger Umfeld, entwickelte die ersten Platten jedoch in Wümme, wo eine ehemalige Dorfschule in Niedersachsen zum Wohn- und Aufnahmestudio wurde. Tonband, Schnitt, Lärm, gefundene Klänge und abrupt abgebrochene Songs dienten als kompositorisches Material und nicht bloß als Verzierung. Virgin verkaufte The Faust Tapes 1973 in Großbritannien für 49 Pence; dieser ungewöhnlich niedrige Preis brachte die Wümme-Experimente weit über das bereits vorhandene Publikum der Gruppe hinaus.
Warum es bis heute wichtig ist
Die Kernphase reicht von den späten 1960er- bis in die späten 1970er-Jahre, doch selbst diese Grenze bleibt durchlässig. „Krautrock“ ist als historischer Sammelbegriff am nützlichsten und nicht als Behauptung, alle Musiker hätten ein gemeinsames Manifest verfolgt. In den verschiedenen Szenen wurden übernommene Formen wiederholt infrage gestellt, Wiederholung und Studioarbeit als kompositorische Mittel behandelt und elektronische Klänge mit improvisierenden Ensembles verbunden.
Späterer Post-Punk, elektronische Tanzmusik und Experimental Rock griffen auf unterschiedliche Teile dieses Feldes zurück. Der Cambridge Companion to Krautrock verfolgt diese Nachwirkungen bis in den britischen Post-Punk und Detroit Techno; einzelne Musiker und Labels nennen Neu!, Can und verwandte Gruppen zudem als unmittelbare Einflüsse. Die entscheidende Aussage lautet nicht, ein einziges Land habe Wiederholung oder Sequencing erfunden, sondern dass diese Musiker vorhandene Ideen auf ungewöhnlich dauerhafte Weise verbanden.
RetroForge Records arbeitet mit Teilen dieses Vokabulars – anhaltender Wiederholung, analoger Elektronik und langfristiger Entwicklung –, ohne den eigenen Katalog als historisches Material auszugeben oder „Krautrock“ als Kostüm zu behandeln. Die Verbindung ist ein Hörweg: Er zeigt, wie ein Puls, ein Schnitt oder ein Sequencermuster eine vollständige musikalische Welt ordnen kann.
Quellen und weiterführende Lektüre
Das Goethe-Institut und Cambridge University Press liefern den Nachkriegs-, Begriffs- und Wirkungskontext. Die offiziellen Darstellungen von Spoon Records, Grönland Records und Tangerine Dream belegen Angaben zu Gründung, Besetzung und Aufnahmen. Die Faust-Begleittexte von Bureau B dokumentieren Wümme und die Veröffentlichung zum Preis von 49 Pence. Die Klangbeschreibungen und die Abgrenzung der Kategorie sind redaktionelle Analysen von RetroForge.
- Goethe-Institut — Kraftwerk und die Suche nach einer neuen Musiksprache nach dem Krieg
- Cambridge University Press — The Cambridge Companion to Krautrock
- Spoon Records — offizielle Geschichte von Can
- Grönland Records — Neu!
- Tangerine Dream — offizielle Geschichte
- Bureau B — historische Begleittexte zu Faust IV