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Cover von All Gates Open: The Story of Can — Rob Young and Irmin Schmidt
Coverbild über Open Library · ISBN 9780571311491
Leseraum · Buch 002

All Gates Open: The Story of Can

Rob Young and Irmin Schmidt

Das Can-Buch, das zugleich Biografie, Archiv und Fortsetzung der eigenen Arbeitsweise der Band ist

Erstmals veröffentlicht2018
VerlagFaber & Faber
Ausgewählte AusgabeISBN 9780571311491
Krautrock & deutsche experimentelle MusikCanHolger CzukayIrmin Schmidt

Das Can-Buch, das zugleich Biografie, Archiv und Fortsetzung der eigenen Arbeitsweise der Band ist

Can lassen sich ungewöhnlich schwer in eine konventionelle Rockbiografie pressen. Ihre Musik war kollektiv, improvisatorisch, geschnitten, bewusst frei von Selbstdarstellung und entstand häufig durch Prozesse, in denen das übliche Sänger-Gitarrist-Songwriter-Modell beinahe nutzlos wirkt. All Gates Open: The Story of Can reagiert darauf, indem es sich weigert, nur eine einzige Art von Buch zu sein.

Der erste große Teil, geschrieben von Rob Young, ist eine recherchierte Biografie der Gruppe. Der zweite ist ein von Gründungskeyboarder Irmin Schmidt kuratiertes „Symposium“, das Reflexionen, Gespräche und weiteres Material über Can, Kunst und den anhaltenden Einfluss der Band versammelt. Diese Struktur ist keine dekorative Spielerei. Sie spiegelt eine Gruppe, die aufgenommenes Material regelmäßig als etwas behandelte, das geschnitten, neu geordnet, neu kombiniert und dadurch in eine andere Form gebracht werden konnte.

Wer ein einziges substanzielles Buch über Can sucht, findet hier den naheliegenden Ausgangspunkt.

Von Köln zu Inner Space

Young beginnt, bevor Can überhaupt existierten. Das ist wichtig, weil die Mitglieder aus ungewöhnlich unterschiedlichen musikalischen Welten kamen. Irmin Schmidt und Holger Czukay hatten Verbindungen zur europäischen Nachkriegsavantgarde und studierten bei Karlheinz Stockhausen. Jaki Liebezeit kam aus dem Jazz, bewegte sich jedoch zu jenem streng kontrollierten, repetitiven Schlagzeugspiel, das zu einem der prägenden Klänge von Can wurde. Michael Karoli brachte eine jüngere Rock-Sensibilität ein. Die Sänger Malcolm Mooney und später Damo Suzuki wiederum kamen aus völlig anderen kulturellen Zusammenhängen.

Das Buch zeigt, wie diese Bestandteile 1968 in Köln zu einer Band wurden und wie Can eine Arbeitsweise entwickelten, in der Hierarchie ständig infrage gestellt wurde. Ihre Musik konnte als lange Improvisation beginnen, doch die endgültigen Platten wurden ebenso durch Schnitt geprägt, vor allem durch Czukays Arbeit mit Tonband. Inner Space, das Studio der Gruppe, wurde halb Labor und halb Instrument.

Dieser Prozess hilft zu erklären, weshalb Alben wie Monster Movie, Tago Mago, Ege Bamyasi und Future Days weder wie konventionelle Rockaufnahmen noch wie akademische elektronische Komposition klingen. Die Musiker verfügten über enorme Fähigkeiten, doch Cans Ästhetik beruhte häufig darauf, dieses Können von offensichtlicher Virtuosendarstellung wegzulenken und stattdessen Gruppenbewegung, Wiederholung, Textur und die Transformation von Improvisation durch Schnitt in den Mittelpunkt zu stellen.

Mehr als eine Folge von Alben

Eine brauchbare Geschichte von Can muss auch das Ökosystem erklären, das solche Musik überhaupt ermöglichte. Die Gruppe arbeitete an Filmsoundtracks, entwickelte ein ungewöhnlich hohes Maß an Studioautonomie und profitierte von dem entscheidenden Management durch Hildegard Schmidt. All Gates Open widmet diesen praktischen Strukturen Aufmerksamkeit, statt so zu tun, als sei experimentelle Musik allein aus Inspiration entstanden.

Auch die beiden bekanntesten Sängerphasen werden behandelt, ohne Can auf ihre Frontmänner zu reduzieren. Malcolm Mooneys kraftvolle Präsenz ist für die frühe Musik unverzichtbar; mit Damo Suzukis Ankunft beginnt eine weitere Phase, deren flexible Vokalsprache mit einigen der berühmtesten Aufnahmen der Band untrennbar verbunden wurde. Dennoch bleibt die instrumentale Identität durchgehend zentral.

Mitte der 1970er veränderte sich die innere Chemie von Can. Personal, Technologie, professioneller Druck und individuelle Ambitionen verschoben sich. Dadurch vermeidet das Buch die verbreitete Fan-Fiction-Version, in der eine perfekte experimentelle Kommune einfach Meisterwerke produzierte, bis die Mode weiterzog. Cans Arbeitsweise war gerade deshalb produktiv, weil sie Spannung enthielt.

Warum die Schmidt-Hälfte wichtig ist

Der von Irmin Schmidt kuratierte Teil ist das Element, das All Gates Open von einer gewöhnlichen Biografie unterscheidet. Statt lediglich ein kurzes Nachwort des überlebenden Gründungsmitglieds anzuhängen, öffnet sich das Buch zu Gesprächen und Reflexionen mit Künstlern, Filmemachern und Musikern, die von Can beeinflusst wurden.

Für manche Leser wird dieses Symposium eine der großen Attraktionen des Buches sein, für andere eine Quelle der Frustration, besonders wenn sie sich mehr Tourchronologie, Aufnahmedetails oder Alltagsgeschichte der Band wünschen. Beide Reaktionen sind nachvollziehbar. Der zweite Teil funktioniert am besten, wenn man ihn als Erweiterung der intellektuellen Welt von Can liest und nicht als konventionelle Fortsetzung von Youngs Biografie.

Hier gewinnt auch der Titel seine Bedeutung. „All gates open“ suggeriert Durchlässigkeit: zwischen Rock und moderner Komposition, Deutschland und der weiteren Welt, Improvisation und Schnitt, Musik und bildender Kunst, historischer Dokumentation und neuen Gesprächen.

Was es besonders gut macht

Young gelingt es besonders gut, Can in der deutschen Nachkriegskultur zu verorten, ohne die Musiker zuerst zu Symbolen und erst danach zu Menschen zu machen. Die Beziehungen zu Stockhausen, Fluxus, moderner Kunst, Jazz, amerikanischem Rock und der politischen Atmosphäre der Zeit verleihen der Geschichte Tiefe.

Die Funktionsweise von Inner Space ist eine weitere große Stärke. Die Studiomythologie von Can kann sehr schnell mystisch werden, doch wenn man den Raum, die Bänder und den Arbeitsprozess versteht, werden die Platten konkreter.

Das Buch profitiert außerdem von außergewöhnlich gutem Zugang. Young führte Interviews mit Mitgliedern der Gruppe, Sängern, Weggefährten und Menschen aus ihrem Umfeld, während Schmidts Beteiligung dem Projekt eine Insider-Dimension gibt, ohne die gesamte Erzählung in ein autorisiertes Memoir zu verwandeln.

Einschränkungen

Zeitgenössische Rezensionen benannten eine echte Spannung im Buch: Intellektueller und kultureller Kontext kann gelegentlich die gewöhnlichen menschlichen Details des Bandalltags verdrängen. Leser, die jeden Tourtermin, lückenlose Aufnahmedokumentation oder einen ununterbrochenen Strom von Backstage-Anekdoten suchen, werden stellenweise mehr Bodenhaftung vermissen.

Schmidts Präsenz ist unschätzbar, bedeutet aber zugleich, dass seine Perspektive naturgemäß besonderes Gewicht erhält. Keine kollaborative Geschichte kann diesem Problem vollständig entkommen, besonders wenn mehrere zentrale Beteiligte vor Erscheinen des Buches bereits verstorben waren.

Auch die Prosa kann so weitläufig werden wie die Musik. Wenn deine ideale Musikbiografie kurz, streng chronologisch und erbarmungslos faktenorientiert ist, dann ist dies nicht dieses Buch.

Wer sollte es lesen?

Wer bereits von Tago Mago, Ege Bamyasi oder Future Days fasziniert ist, sollte dieses Buch weit oben auf die Liste setzen. Es eignet sich außerdem hervorragend für Leser, die verstehen wollen, wie eine Band Improvisation und Studioschnitt einsetzen kann, ohne zu einer klassischen Jam-Band oder einem rein elektronischen Studioprojekt zu werden.

Für eine allgemeine Geschichte der breiteren deutschen Szene empfiehlt sich David Stubbs' Future Days. Für eine kompakte, meinungsstarke Karte kanonischer Platten ist Julian Copes Krautrocksampler die passendere Wahl. Für Can selbst geht All Gates Open deutlich tiefer als beide.

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Die Hardcover-Ausgabe von 2018 und spätere Taschenbuchausgaben können sich in Aufmachung und Seitenzahl unterscheiden.

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