Das vierte *Romantic Warriors*-Projekt wird zur Trilogie, weil ein Film Deutschland nicht fassen kann
Die ursprüngliche Masterliste des Screening Room nannte diesen Beitrag Romantic Warriors IV: Krautrock und datierte ihn „ab 2019“. Diese Formulierung erweist sich als wesentlich statt ungenau. Adele Schmidt und José Zegarra Holder produzierten nicht einen Film und gingen dann weiter. Das Projekt wuchs zu drei Filmen, die 2019, 2021 und 2024 erschienen.
Progdocs gibt für Teil 1 129 Minuten, für Teil 2 126 Minuten und für Teil 3 ebenfalls 126 Minuten an. Zusammen dauern die drei Hauptfilme 381 Minuten, bevor gesonderte Bonus-DVDs mitgezählt werden. Schon diese Erweiterung ist ein historisches Argument.
Je genauer die Filmemacher Krautrock betrachten, desto schwerer lässt sich eine einfache nationale Geschichte bewahren. Düsseldorf und Köln bringen ein Netzwerk hervor, München und Süddeutschland ein anderes, Berlin ein weiteres; Hamburg und andere Regionen machen die Karte noch komplexer. Diese Screening-Room-Seite muss Romantic Warriors IV deshalb als Dokumentartrilogie unter einem Projekttitel behandeln. Teil 1 zum Gesamtwerk zu erklären, würde fünf Jahre Filmproduktion und mehr als vier zusätzliche Stunden Geschichte auslöschen.
Teil 1 nimmt die vertrauten Namen und macht ihre lokalen Beziehungen sofort komplizierter
Der erste Film konzentriert sich hauptsächlich auf Düsseldorf und Köln, mit Can, Kraftwerk, Neu!, La Düsseldorf, Faust und Floh de Cologne sowie späteren Musikern und Nachfolgern. Diese Namen erscheinen bereits in allgemeinen Krautrock-Geschichten. Die zusätzliche Laufzeit verändert, was sich über sie sagen lässt.
Michael Rothers Weg durch Kraftwerk zu Neu! und später Harmonia wird zur personellen Beziehung statt zu einem Satz. Klaus Dingers Rolle kann vom späteren polierten Mensch-Maschine-Bild Kraftwerks getrennt werden. Cans Sängerphasen mit Malcolm Mooney und Damo Suzuki lassen sich behandeln, ohne einen Sänger die Band vollständig vertreten zu lassen. Die Filmemacher befragen außerdem Menschen aus Technik- und Industriegeschichte, darunter Personen aus dem Umfeld von Labels, Studios und Conny Planks Vermächtnis. Hier wird Spezialdokumentation wertvoll. Ein BBC-Überblick kann sagen, dass diese Bands existierten. Ein zweistündiger Regionalfilm kann erklären, wie Musiker einander trafen, sich trennten, Ideen übernahmen, stritten und aus demselben lokalen Ökosystem neue Projekte bauten.
Kraftwerk wirken weniger isoliert, sobald Düsseldorf um sie herum sichtbar bleiben darf
Kraftwerks späterer weltweiter Einfluss ist so gewaltig, dass die Gruppe außerhalb gewöhnlicher Szenegeschichte zu stehen scheint: ein versiegeltes Labor mit Ralf Hütter und Florian Schneider. Der regionale Ansatz stellt Nähe wieder her.
Michael Rother und Klaus Dinger spielen kurz bei Kraftwerk, bevor sie Neu! gründen. Eberhard Kranemann gehört zu einer weiteren frühen Phase. Conny Planks Arbeit als Toningenieur verbindet mehrere Musiker und Platten der Region. Das schmälert Kraftwerks Originalität nicht. Es zeigt, dass Originalität ebenso aus lokalem Kontakt wie aus privater Vision entsteht.
Die spätere Kontrolle der Gruppe über Bild und Archiv kann frühe Geschichte durch gewöhnliches autorisiertes Material schwer zugänglich machen. Interviews mit verbundenen Musikern werden deshalb besonders wichtig. Eine Szenedokumentation kann jene Türen zeigen, die eine spätere Ikonografie schließt.
Neu! zeigen, wie zwei Musiker musikalisch dieselbe Richtung wählen und persönlich genug uneins sein können, um Kontinuität zu erschweren
Michael Rother und Klaus Dinger schufen gemeinsam ein bemerkenswert einflussreiches Werk, besonders durch die später mit Neu! verbundene rhythmische und klangliche Sprache. Die Einfachheit des Duos kann die Musik konzeptionell einheitlich wirken lassen. Ihre Beziehung war es nicht. Unterschiedliche künstlerische Persönlichkeiten und Vorstellungen von Kontrolle erzeugten Spannungen, die eine Fortsetzung schließlich erschwerten. Die Dokumentation kann spätere Aussagen und Zeitzeugen verwenden, doch Dingers Tod 2008 bedeutet, dass er am Film von 2019 nicht direkt teilnehmen kann.
Dadurch entsteht ein archivarisches Ungleichgewicht, das sichtbar bleiben muss. Rother kann seine Erinnerungen in der Gegenwart erklären; Dinger besteht in älteren Aufnahmen, Platten und den Aussagen anderer fort. Die Situation ähnelt vielen späteren Banddokumentationen mit verstorbenen Schlüsselmitgliedern. Überleben gibt manchen Stimmen mehr Gelegenheit, die Vergangenheit zu definieren. Ein verantwortungsvoller Film und Artikel behalten die fehlende Stimme im Bewusstsein.
Can brauchen genug Zeit, damit das Studio zu einem weiteren Bandmitglied wird
Cans Musik wurde grundlegend durch Aufnahmepraxis geformt. Holger Czukays Montage- und Tonbandarbeit verwandelte Improvisationen in Albumstrukturen, während die kollektive Methode die Grenze zwischen Komposition, Jam und Studiokonstruktion verwischte. Teil 1 besitzt genug Dauer, diesen Prozess ernster als ein breiter Genrefilm zu untersuchen. Interviews mit Irmin Schmidt, Damo Suzuki, Malcolm Mooney und anderen zeigen, dass Cans Geschichte mehrere verschiedene Bands unter einem Namen enthält. Mooney-Phase, Suzuki-Phase und spätere instrumentale Entwicklung besitzen unterschiedliche vokale, rhythmische und kompositorische Identitäten. Jaki Liebezeits Schlagzeug bleibt einer der stärksten Kontinuitätspunkte, obwohl sein Tod 2017 die spätere Dokumentation erneut um eine Abwesenheit herum arbeiten lässt. Je genauer Can untersucht werden, desto weniger nützlich wird eine allgemeine Formel wie „deutscher Psychedelic Rock“. Ihre Arbeitsweise ist das Genre.
Faust zeigen, dass Aufnahmegeschichte bisweilen wichtiger ist als eine stabile Besetzungsgeschichte
Fausts Geschichte umfasst radikale Studiopraxis, Beziehungen zu Labels, Mitgliederwechsel, gemeinschaftliches Leben und einen Katalog, dessen späterer Einfluss die anfänglichen Verkäufe weit übertrifft. Jean-Hervé Péron und Werner „Zappi“ Diermaier bilden direkte Verbindungen zur frühen Geschichte, während Archivbilder und spätere Auftritte zeigen, wie Fausts Identität in wechselnden Formen fortbestand.
Der regionale Rahmen macht zudem das Verhältnis zur industriellen Unterstützung klarer. Experimentelle Musik braucht Geld, selbst wenn sie kommerzielle Konventionen ablehnt. Faust erhielten ungewöhnliche Mittel und verwendeten sie für Werke, die ihre Geldgeber verwirren konnten. Das ist eines der wiederkehrenden Paradoxe der Krautrock-Geschichte. Eine Plattenindustrie auf der Suche nach deutschen Entsprechungen britischen und amerikanischen Erfolgs finanziert versehentlich Musiker, die jede Entsprechung vermeiden wollen.
Teil 2 zieht nach Süden und lässt das Wort Krautrock fast absurd breit klingen
Der zweite Film konzentriert sich auf Süddeutschland und behandelt Guru Guru, Amon Düül II, Xhol Caravan, Kraan, Witthüser & Westrupp, Popol Vuh und die späteren Electric Orange. Neben Teil 1 lassen sich die musikalischen Unterschiede nicht mehr übersehen.
Amon Düül II gehen aus kommunaler Gegenkultur in Psychedelic Rock über. Guru Guru entwickeln sich um Mani Neumeiers Schlagzeug, Improvisation und Humor. Xhol bewegen sich von Soul- und R&B-Wurzeln zu psychedelischen Experimenten. Kraan verbinden Jazzfusion, Groove und Rock. Popol Vuh wechseln von elektronischer Arbeit zu akustischen spirituellen Texturen. Wenn all diese Gruppen Krautrock sind, kann der Begriff nur auf einer sehr breiten historischen Ebene funktionieren. Genau deshalb ist die Trilogie so wertvoll. Genretaxonomie wird unter Details schwächer. Geschichte wird stärker.
Die Internationalen Essener Songtage verbinden deutsche experimentelle Musik mit einer größeren europäischen Festivalgeschichte
Teil 2 widmet den Internationalen Essener Songtagen von 1968 wichtige Aufmerksamkeit. Die Veranstaltung brachte experimentelle und aufstrebende Künstler in einer Umgebung zusammen, die für die Entwicklung des deutschen Undergrounds entscheidend war. Progdocs nennt das Festival ausdrücklich als historischen Schwerpunkt und verbindet es mit Amon Düül II, Tangerine Dream, Frank Zappa und The Mothers of Invention. Das Ereignis zählt, weil Szenen Kontakt brauchen. Musiker hören Arbeit außerhalb ihres lokalen Netzwerks, Veranstalter lernen, was das Publikum akzeptiert, Labels begegnen Künstlern, und kulturelle Identität entsteht durch Vergleich. Für RetroForge führt das direkt zur Festivalgeschichte. Krautrock entwickelt sich nicht nur in Studios. Festivals helfen Musikern zu entdecken, dass andere Menschen ähnlich radikale Abweichungen versuchen.
Guru Guru bewahren Humor in einer Geschichte, die oft mit unerträglicher Ernsthaftigkeit erzählt wird
Mani Neumeiers lange Laufbahn mit Guru Guru korrigiert das strenge Bild deutschen Experimental Rocks. Die Musik kann technisch forschend und improvisiert sein und zugleich Absurdität, Spiel und körperliche Bühnenenergie bewahren. Das zählt, weil Geschichten über nationales Trauma, Nachkriegsidentität und Avantgarde-Ernst die Musiker klingen lassen können, als hätten sie nie gelacht. Szenen enthalten Persönlichkeiten. Humor selbst kann experimentell sein, wenn er die erwartete Würde von Kunstmusik bricht. Der fanorientierte Stil der Romantic Warriors-Filmemacher passt besonders zu Teilnehmern wie Neumeier, weil längere Gespräche Persönlichkeit bewahren, statt nur ein akademisch nützliches Zitat herauszulösen. Der menschliche Ton erweitert die Geschichte.
Popol Vuh beweisen erneut, dass elektronische Pionierarbeit keine lebenslange elektronische Identität verlangt
Florian Frickes frühe Moog-Arbeit ist historisch bedeutsam, doch Popol Vuh bewegten sich später stark zu Klavier, Stimme und akustischen Instrumenten. Teil 2 kann dem Übergang genug Zeit geben, damit er nicht wie ein Rückzug von Technologie wirkt. Die Zusammenarbeit mit Werner Herzog gibt der Musik einen weiteren Weg in die Kulturgeschichte, besonders durch Filme, deren Landschaften und spirituelle Atmosphäre untrennbar von Frickes Musik wurden. Das ist eine wichtige Erweiterung über Rockgeschichte hinaus. Eine Szene kann Kino direkt beeinflussen statt nur spätere Bands. Im Screening Room entsteht schließlich ein eigenes Netzwerk aus Popol Vuh und Herzog; diese Dokumentarseite wird dadurch innere Brücke statt Endpunkt.
Teil 3 erreicht Berlin und gibt der Berliner Schule endlich genug Raum, sich vom allgemeinen Krautrock zu trennen
Der dritte Film von 2024 legt großen Wert auf Berlin und Künstler wie Tangerine Dream, Klaus Schulze, Agitation Free, Günter Schickert und Conrad Schnitzler. Hier wird die Geografie der Trilogie besonders nützlich.
Die Berliner Schule wird oft unter Krautrock eingeordnet, weil sie demselben breiten nationalen und zeitlichen Zusammenhang entstammt. Musikalisch schaffen lange Sequenzerfiguren, Synthesizertexturen und elektronische Komposition jedoch eine eigenständige Tradition.
Tangerine Dream und Schulze werden zentral für Genealogien von Ambient, Elektronik und späterer Tanzmusik, ohne wie Neu! oder Can zu klingen. Der Film behandelt außerdem Orte wie das Zodiak Free Arts Lab, an denen experimentelle Aufführung und radikale Kultur überlappten. Berlin ist nicht nur eine weitere Stadt auf der Krautrock-Karte. Es schafft einen anderen Weg in die Zukunft.
Conrad Schnitzler zeigt, wie ein Musiker mehrere Geschichten verbinden kann, ohne bequem in eine Bandbiografie zu passen
Schnitzlers Laufbahn verbindet frühe Tangerine Dream, Kluster und umfangreiche Soloexperimente. Genau solche Figuren kann eine regionale Dokumentarserie zurückholen. Bandzentrierte Geschichte tut sich schwer mit Musikern, deren Bedeutung in Bewegungen zwischen Projekten und einem Einfluss oberhalb ihrer Verkäufe liegt. Schnitzlers elektronische Experimente gehören zur Entwicklung des Berliner Undergrounds und zu späteren Industrial- und Elektronikkulturen. Das weite Netzwerk des dritten Films lässt ihn als verbindendes Gewebe statt als Fußnote erscheinen. Darin liegt eine zentrale Stärke der Trilogie. Sind die offensichtlichen Bands etabliert, folgen die Filme den Menschen, die die Szene durchlässig machen.
Cluster und Harmonia lassen die Geografie Köln/Düsseldorf/Berlin in sich zurückfalten
Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius verbinden zunächst über Kluster/Cluster und später über Beziehungen mit Michael Rother und Harmonia mehrere Regionalgeschichten. Brian Enos spätere Zusammenarbeit schlägt eine internationale Brücke; Harmonias Ruf wuchs erheblich nach der ursprünglichen kommerziellen Phase. Die Trilogie kann Namen über mehrere Teile hinweg erneut behandeln, weil Szenen den Grenzen einer Dokumentation nicht gehorchen. Diese Wiederholung ist produktiv.
Rother gehört zu Neu! und Harmonia. Roedelius gehört zu Cluster und Harmonia. Conny Planks technische Arbeit reicht über mehrere Netzwerke. Ein dreiteiliges Projekt macht diese Wiederholungen sichtbar, statt jede Band als isoliertes Kapitel zu behandeln. Das Ergebnis ähnelt einer Beziehungskarte mehr als einer Playlist kanonischer Alben. Genau das sollte Spezialgeschichte leisten.
Die Aufnahme moderner Bands verhindert, dass das Projekt zum Museum der Vergangenheit wird
Progdocs bezieht wiederholt heutige vom Krautrock beeinflusste Musiker ein, darunter Electric Orange, Wume und Krautwerk. Das ähnelt dem ersten Romantic Warriors-Film, der Progressive Rock als lebendes Ökosystem behandelte. Spätere Künstler belegen Zirkulation, schaffen jedoch auch ein Risiko: Einfluss lässt sich so weit behaupten, bis jede repetitive oder elektronische Musik als krautrockgeprägt gilt. Am stärksten sind die Filmemacher, wenn Musiker konkrete Arbeitsweisen, Klänge oder Künstler benennen, statt die alte Szene bloß zu loben. Eine heutige Band beweist Krautrocks Fortleben nicht, weil sie Can mag. Sie zeigt Vermächtnis, wenn Techniken in einem neuen Zusammenhang wieder verwendbar werden.
Sechs Stunden machen die Trilogie genauer und zugleich weniger endgültig
Die Hauptfilme dauern zusammen 381 Minuten. Diese enorme Länge bietet Raum für Regionalszenen, weniger bekannte Künstler, Studiogeschichte und überlebende Beteiligte, die eine einstündige BBC-Dokumentation nicht aufnehmen kann. Mehr Details legen zugleich mehr Auslassungen offen.
Deutschlands experimentelle Musikkultur bleibt größer als drei Filme. Wichtige Künstler erhalten ungleiche Aufmerksamkeit, Archivzugang variiert, und Todesfälle entfernen Stimmen, bevor Interviews möglich werden. Darin liegt das Paradox gründlicher Dokumentararbeit. Je genauer die Karte, desto sichtbarer ihre leeren Flächen. Die Trilogie sollte deshalb als umfangreichster einzelner Screening-Room-Beitrag über Krautrock gelten, nicht als endgültige Definition des Themas. Ihre eigentliche Leistung besteht darin, endgültige Definitionen unmöglich erscheinen zu lassen.
Hinweis zum Ansehen und Sammeln
Romantic Warriors IV: Krautrock ist eine Trilogie aus drei Langfilmen, kein einzelner Film von 2019: Teil 1 (2019, 129 Min.), Teil 2 (2021, 126 Min.), Teil 3 (2024, 126 Min.). Es gibt gesonderte Bonus-DVDs; sie dürfen nicht in die gemeinsame Laufzeit von 381 Minuten eingerechnet werden.